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Zwei Hälften des Lebens. Hegel & Hölderlin. Eine Freundschaft.

Autor Eberhard Ratheb
Verlag Blessing
ISBN 978-3-89667-597-2

Bei der fast unüberschaubaren Sekundärliteratur zu dem Dichter, Friedrich Hölderlin, und dem Philosophen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, braucht es offenbar eine besondere Begründung dafür, ein weiteres Buch zu den beiden zu schreiben. Diese liefert der Autor, Eberhard Rathgeb, bereits auf den ersten Seiten. Die Begründung versammelt die ideellen Konzepte, die der Autor beharrlich seinen Ausführungen unterlegt und dabei Redundanzen nicht scheut, ebenso wenig wie apodiktische Aussagen und Tonalität, vorzugsweise im Duktus der Metaposition und eines Erzählers, der genau weiß, was in seinen Hauptakteuren vorgeht, also nicht nur deren Handlungen, sondern auch Seelen- und Geistesleben, Motivationen und Ambitionen kennt.

Die Begründung kreist um einige thesenhaften Konzepte: Dichter und Philosoph sind „Extremisten“ (S. 11), weil sie absolutieren: der eine lebt in Phantasie, Gefühl, Poesie, der andere in begründeter Spekulation, Rationalität, Logik. Sie wurden im selben Jahr (1770) geboren, besuchten das Tübinger Stift und studierten – auf elterlichem Wunsch, die Pfarrerlaufbahn einzuschlagen – Theologie, lernten einander in jungen Jahren kennen und für eine Weile „Freunde“. „Dass die beiden zusammengehören, hängt nicht nur damit zusammen, dass sich ihre Lebensläufe verschränkten. Die innere Notwendigkeit ihrer Nähe liegt darin, dass sie ein Problem in zwei Richtungen ausreizten“ (S. 12), wenn auch nicht zu lösen vermochten. Die „innere Notwendigkeit ihrer Nähe“ ist ein wesentliches Konstrukt des Autors, das Modus und Architektur der Beziehung und der Leistungen von Dichter und Denker gleich einem mathematischen Zeichen vor der Klammer bahnt. Das gleiche Muster findet sich in der Kontrastierung von Poesie und Philosophie.

„Das Problem, vor dem sie sich befanden, bestand darin, dass sie dem Wort sehr viel zutrauten“ (S.12), nämlich „die Deutung des Ganzen“ der Theologie zu entreißen und im Sinn der Aufklärung zu formulieren. Das tat der Dichter vorzugsweise durch Empfindung, Einbildungskraft, Poesie, der Philosoph durch Orientierung an wissenschaftliche Logik, Nüchternheit, Vernunft. Fühlen versus Denken und in Worte kleiden – das ist ein Topos, den der Autor mit fast ermüdender Ausführlichkeit immer wieder aufnimmt. Ebenso wie die vermeintliche Vergeblichkeit ihrer Bemühungen der beiden Geistesgrößen – gemessen an dem Anspruch, das nicht beweisbare Göttliche und Teleologische zu ersetzen, in Gedichten, die das Höhere und das Verschmelzen in ihm voraussetzen, anrufen, ersehnen sowie in der Hypostasierung von Vernunft, dem Weltgeist.

Das Buch ist offenkundig an ein bildungsbürgerlich interessiertes Publikum gerichtet. Dieses könnte sich durch zweierlei angezogen fühlen: historische Einbettung und individualpsychologische Illustrierung sowie Bezüge zur Gegenwart, vielleicht auch durch das (didaktisch motivierte) Einstreuen der Nachfrage der Tochter und der Nachbarn (Bauern) des Autors.

Das Einbetten in und Einkreisen der beiden Protagonisten durch Kerngedanken der Aufklärung, Ausführungen zu weiteren „Helden“ (E. Rathgeb) jener Zeit des späten 18. Jahrhunderts und Beginn des 19. Jahrhunderts, vorzugsweise Literaten und Philosophen wie Goethe, Herder, Schiller, Fichte, Schelling, Immanuel Kant. Zuweilen stellt Eberhard Rathgeb Bezüge her zu Theorien, Konzepten, Begriffen von Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und zeigt auch auf diese Weise das Klassische an Hölderlin und Hegel, sowohl im Lebenslauf als auch in Motivationen und Ambitionen.

Besonderen Raum nimmt die Französische Revolution ein, gleichsam als Gesamtfolie und Grundlagengeschehen und gleichzeitig als Mittel, um das Leben im Wort von Hölderlin und Hegel herauszustellen. Diese Ausführungen lesen sich durchaus erhellend, nicht zuletzt, weil es dem Autor durch die Beschreibung von Einzelheiten, individuellen Perspektiven, Befindlichkeiten, persönlichen Schicksalen und konkreten Betroffenheiten gelingt, die Turbulenzen, das Lehrreiche wie das Grausame, die vermeintlich guten Absichten auf Pro- und Contraseite lebendig und nahegehend darzustellen.

Das Geschehen rund um die Revolution bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts und das Engagement von Dichtern und Denkern wird kontrastiert mit dem beschaulichen Umfeld, das Hölderlin und Hegel vorziehen. Fast vorwurfsvoll werden sie als Personen beschrieben, die das Überschaubare und Ruhige – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – wählen. Der eine, weil seine sensible Seele und sein Ehrgeiz, eigene Talente zu entfalten, zur Volkserziehung durch Gedichte beizutragen und einen Stellenwert ähnlich dem von Schiller zu erringen sowie seinen Lebensunterhalt durch Dichtung zu sichern, überfordert wäre (zumal biographisch, insbesondere durch seine Beziehung zu seiner Mutter, bereits von fragiler psychischer Konstitution), der andere, weil er bewusst Ruhe sucht, um denken zu können und seine Aufmerksamkeit nicht um sich selbst oszilliert, sondern um intellektuelle Herausforderungen, die er lösen und auf diese Weise zu mehr Vernunftpraxis beizutragen bestrebt ist.

Die Freundschaft von Hölderlin hielt trotz örtlicher Distanzen bis etwa 1800. Die Unterschiedlichkeit der Laufbahnen trennten sie. Hölderlin verbrachte einen Gutteil seines Lebens als Dichter in einem Turm in Tübingen, wo er seine Poesie auslebte, während Hegel als Professor Philosophie lehrte, sein philosophisches System ausarbeitete und einer der gefeiertsten Geistesgrößen seiner Epoche wurde und bis heute ist.

Die Lektüre des Buches mag jene Leser unzufrieden lassen, die sich darauf gefreut haben, die Freundschaft näher ausbuchstabiert zu finden, indes jene erfreuen, die die Einbettung in den historischen Horizont ebenso schätzen wie die Bezüge zu weiteren „Genies“ jener Zeit. In jedem Fall kann es sein, dass man angesichts der von Eberhard Rathgeb zitierten Gedichte Hölderlins weitere lesen möchte und auch zu Hegels Gedankengebäude Tieferes erfahren möchte, sei es durch Primär-, sei es durch Sekundärliteratur – oder aber sich motiviert fühlt, zu anderen genannten Intellektuellen und Literaten zu greifen.
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Regina Mahlmann