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Todtnauberg

AutorHans-Peter Kunisch
Verlagdtv Premium
ISBN978-3-423-28229-1

„Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“ erscheint passend zum 50. Todestag Celans …

„So könnte es gewesen sein“, schreibt der Autor auf Seite 168, und das ist zugleich der Rahmen dieser Abhandlung, die Sachbuch und Roman im Sinn der Vereinbarung von Tatsächlichem (Recherche von Geschehnissen, Personen und Kontakten, Briefen etc.) und Fiktionalem zugleich ist. Das gilt insbesondere für innere Monologe, nicht verbalisiertes Denken und Fühlen und für Motive und Motivationen zu Handlungen und Unterlassungen der beiden Hauptakteure: Paul Celan, dem der Autor sowohl Achtung als auch große Sympathie entgegenbringt, und Martin Heidegger, der sich mit Respekt vor seinem Werk begnügen muss, was einschließt, dass Hans-Peter Kunisch einen differenzierten Blick auf den unpersönlichen Antisemitismus Heideggers wirft (v.a. Kapitel 21: Heidegger und die Juden).

Hans-Peter Kunisch umrahmt ein bestimmtes, ein initiales Treffen von Martin Heidegger (damals 78-jährig) und Paul Celan am 25. Juli 1968 (damals 48-jährig). Er holt zuweilen weit aus, um die „unmögliche Begegnung“ zeitlich, thematisch, semantisch, psychologisch zu kontextuieren und bedient sich neben unmittelbarer Zeitzeugen weiterer Dichter und Gelehrter, im Lyrischen pointiert Hölderlin, dem Paul Celan eingedenk unter anderem seiner Empfindsamkeit und scharfen Sprachsensibilität nebengestellt wird (oder umgekehrt).

Dem ersten Treffen folgen zwei weitere, und für alle gilt, dass Hans-Peter Kunisch Vorbereitung und Erleben, Nachbereitung und anknüpfende Hoffnungen und Enttäuschungen primär aus der Perspektive Paul Celans geschildert werden bzw. aus jener von direkten Zeitzeugen wie Neumann und Baumann und aus Briefen. Biographische Daten verbindet der Autor zudem mit (Motivationen zu) Gedichten, Briefen, Stimmungen und deren Schwanken, mit Paul Celans psychischen und physischen Eigenheiten.

Paul Celans Besuch in Freiburg bzw. das Treffen mit Martin Heidegger fällt in einen Zeitraum, in dem der mit Hölderlin gleichgesetzte Dichter auf Urlaub während eines Psychiatrieaufenthaltes ist. Um die psychische Labilität hat Martin Heidegger wohl gewusst, insbesondere aber seine (nicht zur Sprache kommende) Furcht davor, dass der rumänische Jude Paul Celan, dessen Eltern deportiert und von Nationalsozialisten ermordet worden waren, dass der Dichter die Verstrickung Heideggers, institutionell (Rektorat) und mental (in Briefen, Reden), ansprechen würde.

Diese Furcht mündet zum einen darin, dass Heidegger dafür sorgt, dass alle Buchhandlungen Freiburgs Paul Celans Werke ausstellen; zum anderen paart sich diese Furcht mit Paul Celans Hoffnung, Heidegger würde sich erklären („Kehre“), und beides gebiert eine Spannung, die in Irritationen und Enttäuschungen mündet, mit einem Hauch Erleichterung, einer Konfrontation ausgewichen zu sein. So wird es auch über weitere Treffen hin bleiben. Der Eintrag ins Hüttenbuch beim ersten Treffen lautet denn auch: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1968 Paul Celan.“ (S. 156) Nach dem Treffen verfasste er das Gedicht „Todtnauberg“.

Es ist der Dichter, der daran leidet; der seine Bewunderung des Werks des Philosophen, dessen Haus des Seins die Sprache ist, ebenso wie für Paul Celan. Doch für diesen leidvoll. Sein permanentes Hadern, in deutscher Sprache, der Sprache der Todbringer, zu schreiben, seine Schuldgefühle gegenüber dem Tod seiner Eltern, das Ringen darum, seine Gedichte überzeugend und unwiderlegbar wirklich und wahrhaftig, authentisch in einem umfassenden Sinn erscheinen zu lassen – in dem Sinn, dass der Leser ihm glaubt, die Sprache des Lyrischen sei persönlich, ein Gedicht sei ein Teil des Dichters bzw. dieser Dichter selbst.

Ob paranoid oder nicht: Schlussendlich ist sein (wahrscheinlicher) Suizid neben vorgängigen Anschuldigungen einer ihm einst Vertrauten (Claire Golls Plagiatsvorwurf, der sich als unberechtigt erwiesen hatte), mit darauf zurückführen, dass insbesondere die Autorenschaft der „Todesfuge“ hätte ernstlich infrage gestellt werden können.

Regina Mahlmann