Sprachanalyse und metaphysik
| Autor | Axel Hutter |
| Verlag | C.H.Beck |
| ISBN | 978-3-406-82346-6 |
Menschen nutzen bestimmte Begriffe so, als wüssten sie immer schon, was sie damit meinen: als definiert, konkretisiert, moralisch konnotiert, ideologisch eingekleidet und allgemein verbindlich zu behandeln: Sie unterstellen „selbst-verständlich“, dass ihre Deutung von Begriffen von anderen „geteilt“ wird, sie zumindest als verbindlich zu gelten hat.
Die von Axel Hutter hervorgehobenen Termini sind Sprache, Freiheit, Person/ Ich/ Selbst(erkenntnis), Welt und Zeit. Er zeigt unter anderem, dass die skizzierte Annahme auf fraglichem: des Befragens würdigem Fundament liegt. Hier beginnt das Philosophieren: das vermeintlich Klare, Selbstverständliche aufnehmen und mit Fragen und Denkbewegungen umkreisen.
Der Autor setzt das sprachanalytische Verständnis (die „moderne Philosophie“) vom traditionellen ab:
„Die sprachanalytisch inspirierte Kritik an der traditionellen Metaphysik …. kann hilfreich für eine moderne Neubestimmung der Metaphysik sein. Die moderne Metaphysik ist …. Nicht länger ein e Zurückführung der empirischen Welt auf eine Über-Welt……….Die neue Metaphysik ist …. Eine Metaphysik des Diesseits, des Unstrittigen und Selbstverständlichen, das offen vor unseren Augen liegt – und gerade deshalb von uns nicht klar gesehen und verstanden wird, weil wir über es hinwegspringen, indem wir eine Erklärung und Herleitung suchen. Die neue Metaphysik untersucht …. das Unbestreitbare, das wesentlich nicht erklärt, sondern nur am Leitfaden der Sprache als das, was es ist, beschrieben werden kann.“ (S. 157)
Wer sich für die Analyse der und Betrachtung von Sprache im Milieu der Analytischen Philosophie in der Tradition von Gottlob Frege, Ludwig Wittgenstein, Bertrand Russel interessiert, ist bei dem Professor für Theoretische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München gut aufgehoben. Metaphysik, Sprachphilosophie und davon getragene Erkenntnistheorie sind seine Schwerpunkte.
Bei dem vorliegenden Paperback handelt es sich um eine (auf Vorlesungen basierende) Einführung in das, was als sprachanalytische Wende in die Philosophiehistorie eingegangen ist. Die pädagogisch-didaktische Herangehensweise in Formulierungen, Beispielen, bewussten Wiederholungen helfen gerade Neulingen im Studium und an der Fragestellung sehr interessierten Lesern. Und Fortgeschrittene/ Kundige erhalten eine knappe Zusammenfassung von Bekanntem, so dass die Lektüre dank spezieller Akzente auch für sie attraktiv wird.
Interessierte Neulinge sollten sich von den ausführlichen Erörterungen der Überlegungen Freges, Russells, Wittgensteins (v.a. „Tractatus“) nicht entmutigen lassen. Man kann sie zunächst kursorisch lesen und bei Bedarf spätestens, wenn es um die Überlegungen „späten“ Wittgensteins geht (der am Ausführlichsten rezipiert wird), wieder zu ihnen zurückkehren. Denn dank der sichtbar gekennzeichneten Zitate findet man sie rasch, wenn man sie zum Verständnis benötigt.
Es lohnt in jedem Fall, den Denkbewegungen der drei grundlegenden Protagonisten zu folgen. Es schult in Differenzierung und Verstehen dessen, was wir im Alltäglichen sprachlich von uns geben und vernehmen. Am interessantesten wird es vermutlich, wenn Wittgensteins pragmatische Wende skizziert wird. Die Kerntermini Sprachspiel, Kontextualisierung, Lebensform, Ähnlichkeiten, Regeln und ihr Bezug zu Freiheit erläutert Axel Hutter ausführlich; es liest sich „spannend“.
Im Kapitel „Welt und Zeit“ stellt der Autor einen besonderen Philosophen vor, John McTaggart. Schwerpunkt bildet die Skizze dessen sprach-logischer Analyse des Verständnisses und der Beschreibbarkeit des metaphysischen Begriffs “Zeit“, ausgehend von dem Augustinus zugeschriebenen Satz, dass er wisse, was Zeit sei, doch es nicht mehr wisse, wenn ihn jemand frage, was sie sei. Das ist hochinteressant; denn im Reden über Zeit führt John McTaggart sprachlogische Differenzierungen ein, die zeigen, dass Menschen in zweifacher Weise über Zeit sprachen: Redeweise und Verständnis.
Und so dekliniert der Autor, ausgehend vom Konventionellen und Selbst-Verständlichen, ferner die Begriffe, Rede- und Verständnisweisen und deren sprach-logischer Unterscheiden von Person(en), Ich, Selbst (Peter Strawson), Freiheit (Rekurs auf John McTaggart und Harry G. Frankfurt) in äußerst interessanten Ausführungen – um im Schlusskapitel die berühmte Frage „Was ist Philosophie“ zu beantworten:„Die Philosophie thematisiert dasjenige, was uns nicht langweilig werden kann. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Erstaunliche im scheinbar Selbstverständlichen.“ (S. 254)
Darauf, indes, werden sich nur jene Leser einlassen, die geistige Anstrengung mögen und bei denen nicht die Frage: Was nutzt mir das unmittelbar und alltagspraktisch?, sondern Freude an Erkenntnis- und Differenzierungsgewinn im Denken im Vordergrund stehen. Dies auch oder gerade auch dann, wenn man nicht jeder Annahme und Schlussfolgerung des Autors bejahend folgt.
