Schreiben in finsteren Zeiten
| Autor | Helmuth Kiesel |
| Verlag | C.H.Beck |
| ISBN | 978-3-406-71611-9 |
„Geschichte der deutschsprachigen Literatur Band 11 1933 – 1945“ vereint beeindruckende Detail-Einblicke in übersichtlicher und zugleich eng verknüpfter Darstellung auf knapp 1.400 Seiten (mit ausführlichem Anhang-Apparat, u.a.: Autoren- und Werk-Register S. 1337ff.)..
1933-1945
…hat der Autor hier in den Blick genommen, aus diversen Perspektiven: Personen-bezogen, lokalisiert angesiedelt, Genres und Medien differenzierend – und vieles mehr. All das begründet und nachvollziehbar erläutert, akribisch recherchiert aus primären wie sekundären Quellen, ein Opus Magnum besonderer Art! Dem Thema mehr als angemessen… „Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutete für die deutschsprachige Literatur eine beispiellose Herausforderung. Zweieinhalbtausend Autoren, darunter die besten, mussten Deutschland verlassen. Wer blieb und sich nicht auf die Seite des NS-Regimes stellte, war von Verfolgung bedroht. Trotzdem entstanden Werke von großer zeitgeschichtlicher Repräsentanz und hohem literarischen Rang. Helmuth Kiesel hat die erste Gesamtdarstellung der Epoche aus einer Hand geschrieben. Sie erschließt ein riesiges literarisches Feld zwischen Regimetreue und Exil und vermittelt ein bewegendes, oft erschütterndes Bild jener Zeit. Die schriftstellerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart verlangte von den Autoren in den Jahren 1933 – 1945 besondere existentielle Kraft, politische Klarheit und literarisches Darstellungsvermögen. Helmuth Kiesel widmet sich in seiner großen Epochendarstellung der Literatur des Exils und der inneren Emigration, aber auch regimenahen Autoren, ebenso der österreichischen und schweizerdeutschen Literatur. Dabei stellt er die berühmten Werke der Epoche vor, von Anna Seghers’ Das siebte Kreuz bis Thomas Manns Doktor Faustus, von Ernst Jüngers Marmorklippen bis Hermann Hesses Glasperlenspiel – und daneben zahlreiche vergessene Bücher, die literarisch bemerkenswert und historisch aufschlußreich sind. Viele Autoren sahen ihre Hauptaufgabe darin, die «finsteren Zeiten» (Bertolt Brecht), die sie erlebten, geschichtlich zu ergründen und ihnen mit den Mitteln der Literatur entgegenzutreten. Helmuth Kiesel bringt ihre Stimmen in großer Breite und mit einer bisher nicht erreichten Intensität zur Geltung.“ In der Tat, hier ist quasi eine Bibliothek zur Literatur jener Zeit entstanden, mit Inhalts-Angaben und –Analysen (= Interpretationen) – wenn auch leider in alter Rechtschreibung, doch das sei dem Autor gegönnt …
Sieben Teile
…sind aufzufinden, je unterschiedlicher Perspektive gewidmet, hier die große Überschriften: Die Machtergreifung (1933/34) im Spiegel der Literatur * Neuordnung der Literaturverhältnisse nach 1933 * Von der Machtergreifung zum Krieg: Die politische Entwicklung bis 1939 im Spiegel der Literatur * Die binnendeutsche Literatur der mittleren Jahre (1934-39): Systemkonforme und neutrale Literatur, Werke der inneren Emigration und jüdische Literatur * Erfahrung Emigration und Exil, Spanienkrieg und Moskauer Säuberungen * Binnen- und exildeutsche Zeit- und Geschichtsromane und –dramen * Die Literatur der Kriegsjahre. Schon das zeigt, wie exzellent das politische und gesellschaftliche Geschehen dieser Zeit(en) aufgearbeitet ist, anhand der literarischen Bearbeitung! Also eine mehr als „nur rein“ literaturgeschichtliche Darstellung… Auch in diesem Mammutwerk finden sich (natürlich) Eselsohren als meine Art, mich besonders Interessierendes leichter wieder auffinden zu können – z.B. hier: Unterwerfung Bürgertum Faktoren (S.69f.), Romantik als Wegbereiter (S. 117ff.), zum „Fall“ Karl Kraus (S. 136ff.), Binnendeutsche Lyrik (S. 222ff. usw.), Nazi-Literaturpolitik (S. 366ff.), Lesen im Dritten Reich (S. 394ff.), Verständigungs-Literatur (S. 501ff.), Schachnovelle (S. 547ff.), Thingspiele (S. 652ff.), Science-fiction… (S. 836ff.), Alfred Döblins Babylonische Wandrung (S. 958ff.), Deutschsprachige jüdische Literatur in Mandats-Palästina (s. 997ff.), Thomas Manns Joseph-Tetralogie (S. 1122ff.), Der Mord an den europäischen Juden (S. 1261ff.) – etc. pp. Das ist natürlich höchst subjektiv – und mag zeigen, wie vielseitig diese reichhaltigen Inhalte konsumiert und reflektiert werden könn(t)en…
Natürlich ging es weiter
…mit Literatur diverser Art mit Bezug zur Nazizeit, worauf der Autor abschließend auch kurz eingeht, siehe Böll, Grass, Walser & Co. (S. 1315f.). Manch nennenswerter Autor bleibt verloren (gegangen), so etwa Heimito von Doderer, wenn auch erwähnt (24/28, 412), was bei ihm daran gelegen haben mag, dass er primär die Zeit des vorigen Krieges im Blick hatte – und zudem wohl ein ambivalentes Verhältnis zu „den Nazis“ hatte, als österreichischer Autor. Apropos, natürlich befasst dich der Autor mit D-A-CH-Literatur, also über „typisch deutsche“ hinaus: Ein wahres Füllhorn ist geboten, geeignet dafür, immer wieder zur Hand genommen zu werden, gezielt zu suchen – und sich die eine oder andere Publikation (erneut) zu lesen oder gar sich neu zu besorgen! Anregend also, wegen (oder auch trotz) dieser umfassenden Sammlung – primär versammelt, erst an zweiter Stelle auch kuratiert, also dem „Urteil“ der Leserschaft überlassen… Eine Enzyklopädie zur Literatur jener Zeit. HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de
