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Permafrost

Autor Viktor Remizov
Verlag Europa
ISBN 978-3-95890-00-6

„Grandioses russisches Epos über das ewig Menschliche und Politische: In einer Linie mit Solschenizyn und Tolstoi“ erinnert an Nonsens-Projekte der Stalin-Zeit, die viele Menschenleben und eigentlich überlebenswichtige Ressourcen kosteten – auf mehr als 1.250 Seiten.

Alles Stalin oder was?
In einer Zeit wie dieser, in der Herr Putin vielfach Stalin quasi wiederauferstehen lässt, ist dies ein höchst relevantes Dokument der Welt-Literatur! Erzählt wird übles Geschehen anhand eines einzigen irrsinnigen Projekts und im Licht der Schicksale mehrerer Protagonisten, das zudem mehr oder weniger eng miteinander verwoben sind: „Die Handlung des Romans spielt in den Jahren 1949–1953 in der abgelegenen sibirischen Siedlung Jermakowo, wo nach einer Laune Stalins ein ebenso gigantisches wie sinnloses Bauprojekt geplant war. Mithilfe von bis zu 120.000 Gulag-Häftlingen sollte am Polarkreis, durch Taiga und Sümpfe eine anderthalbtausend Kilometer lange Eisenbahnstrecke verlegt werden, die den Unterlauf des Jenissejs mit dem Nordural verbindet. Das Projekt wird zur Metapher für den stalinschen Totalitarismus.“ …und dessen unmenschlich-unsinniger Projekt-Verfolgung mit Falsch-Informationen rund ums Geschehen, ein Anecken beim Diktator bloß zu vermeiden (S. 270ff., S. 646ff. mal mit einem Auftritt des Generalissimus persönlich, etc.), sich selbst und Wahrheit verleugnend (z.B. S. 474 zu Gerichts-Urteilen), zudem höchst kontraproduktiv, wenn bestes Talent verschwendet statt angewandt werden muss (und sei es nur durch wiederholte Verbannung, S. 878ff., S. 972f. usw. – GulAGs usw.). Mit durchaus manchem Blick über den Ozean – dies wie viele anderen Aspekte (meist negative) Aha-Erlebnis für mich als Leser… Teils als Gegenwarts-Erzählung, teils erinnert, gar als Flashback (siehe etwa S. 217ff.). So begleitet die Leserschaft einige Personen durch Jahre der Verzweiflung, manches Mal vielleicht kurz davor, die Lektüre abzubrechen, derart eindrucksvoll ist die dennoch lapidare Erzählung: „Dort verwandeln sich Menschen in Vieh“ (S. 1022), einfach Befehle gehorsam ausführend statt darüber zu reflektieren (S. 1202f. etwa)…

Sibirien – in der Heimat der Ur-Finnougrier
…spielt dieser Schicksals-Roman, weshalb er mich besonders interessiert hat: Dort sind (u.a.) Ostjaken und Wogulen zuhause (gewesen), in der Region um die (gemeinsame) Hauptstadt Chantijmansijsk – und zudem weitere uralische Völker, deren Sprachen mit den finnougrischen nächst verwandt sind. Mittendrin ein Gewässer besonderer Art – und „wie der Jenissej ist auch dieser Roman ein mächtiger, breiter, ruhiger Fluss – ohne plötzliche, unerwartete Windungen oder Stromschnellen. Bis zu den Verzweigungen der Nebenflüsse erlebt der Leser die vielfältige Schönheit und den Reichtum einer kargen Landschaft, in die der Mensch eindringt, um sie zu unterjochen, zu versklaven und zu zerstören.“ Dazu Gemeinschaft schaffend, wenn es um Jagd und Fischerei geht, teils illegal (S. 548ff.). „Und doch: Wenn man einmal an Bord von Kapitän Belows Schlepper gegangen ist, kann man sich der Kraft seiner Strömungen und Unterströmungen nicht mehr entziehen. Der ruhige Erzählfluss fesselt den Leser und lässt ihn bis zum letzten Satz und noch lange danach nicht los.“ Übrigens mit einem Foto-Teil in der Mitte des Buches, eindrückliche Momente festhaltend… Auch die auch dort typische Sauna hat mehrfach ihren Auftritt, idR als Schwitzraum (S. 730ff. z.B.). „Der Autor schildert menschliche Schicksale zwischen den Mühlsteinen der Geschichte, ohne die Realität zu übertreiben oder literarisch zu verschleiern“, z.B. S. 506ff. „Das Böse wird nicht teuflischer geschildert, als es ist, das Gute nicht heiliggesprochen. Jede einzelne Handlung wird als das Ergebnis der emotionalen Entscheidung eines Menschen gezeigt, der versucht, sich selbst treu zu bleiben oder zumindest einigermaßen rechtschaffen im Fluss des Lebens mitzuschwimmen – oder wenigstens nicht darin unterzugehen. Die zunehmend tragische Verflechtung der einzelnen Hauptfiguren entfaltet eine unterschwellige Spannung und emotional nachhaltige Wirkung, der man sich kaum entziehen kann.“ Und immer auf dem Hintergrund der „großen Politik“ (S. 314f. usw.), die auch keine Witze erlaubt, genauso wie zur Nazizeit in Deutschland – oder auch in der DDR dann später (S. 386f. und wiederholt). Zu konterkarieren kaum mithilfe von Briefen, weil: Zensur (S. 1114ff. usw.).

Historisches nacherzählt
Wie Viktor Remizov in seinem Vorwort (S. 4f.) erläutert, hat ferür sein Werk, an dem er sieben Jahre schrieb, umfangreiches historisches Material studiert, das ihm die mittlerweile in Russland verbotene Menschenrechtsorganisation »Memorial« zur Verfügung stellte – und dazu aufwändige Reisen an die Orte des Geschehens auf sich genommen. Ein Glossar hilft beim Lese-Verständnis (S. 1250f.). Und auch Antisemitismus kommt vor, das sei expressis verbis erwähnt (u.a. S. 1138f. etc.). – Ein wahres Epos, das zur Pflichtlektüre werden sollte – doch zunächst, oh Leser: Wähle es als Kür! HPR www.dialogprofi.de

Hanspeter Reiter