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Oreo

AutorFran Ross
Verlagdtv
ISBN978-3-423-28197-3

„Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse“ wurde dieses erst kürzlich wieder entdeckte Meisterwerk, 1974 erstmals erschienen, also vor bald einem halben Jahrhundert: Ein Text voller Staccato, abwechslungsreich und anregend in einem. Autofiktional angehaucht, wie dem Nachwort zu entnehmen ist … „Freiheit ist, wenn du auf den Stühlen tanzt, zwischen denen du eigentlich sitzen solltest“ – das Motto von Christine alias Oreo. Denn „auf der Suche nach ihren Wurzeln räumt die sechzehnjährige Oreo alle aus dem Weg, die ihr an den Kragen wollen, und lässt kein Klischee ohne Konter.“ Feine Alliteration, das …!

Geht einem das Leben auf den Keks…
…dann lass es dir auf der Zunge zergehen! Auch das könnte ein Motto sein, passend zu diesen bald 300 Seiten! Denn „Christine ist sechzehn, hat eine schwarze Mutter und einen jüdischen weißen Vater und wächst auf in Philadelphia, verspottet als »Oreo« (wie der Keks) – eine doppelte Außenseiterin. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht und ihr ein Geheimnis hinterlassen, für dessen Lösung sie ihn finden muss. Auf nach New York! Unterwegs trifft sie unglaubliche Leute: einen schwulen »Reisehenker«, der anonym Manager feuert, einen Radio-Macher, der nicht spricht, einen grotesk tumben Zuhälter und endlich auch ihren Vater. Nicht jeder ist ihr wohlgesinnt. Aber Oreo überlebt alle und alles dank ihres selbsterdachten Kampfsports WITZ, getreu ihrem Motto: »Niemand reizt mich ungestraft.«“ Und die wendet sie gezielt an – in der Regel zögerlich, trotzdem Gottseidank noch hinreichend…

Griechische Tragödie im 20. Jahrhundert?
Da muss eine(r) erst einmal draufkommen: „Oreo folgt der Theseus-Sage mit all ihren Volten bis zum letzten irrwitzigen Twist, dem Vatergeheimnis. Aber der antike Held ist heute jüdisch, schwarz und weiblich.“ Und das Ganze in lockerer Art, fast frivoler Sprache – und einem häufig schwer nachvollziehbaren Slang (hieran wird klar, warum die Übersetzerin den Preis erhalten hat – absolut zu Recht!). S. 284 bietet im Nachwort einen weiteren Schlüssel: „Oreo lässt sich darüber hinaus als eine Antwort auf ungelöste ästhetisch-politische Diskussionen ihrer Zeit verstehen: von der Harlem Renaissance, die in den 1920er-Jahren die Malerei, Dichtung und Musik revolutionierte, bis zum Black Arts Movement…“. »Fran Ross führt ihre Leser in ein widersprüchliches Amerika. Wie Pieke Biermann diesen temperamentvollen Text voller jiddischer Anleihen und Südstaaten-Slang übersetzt hat, ist ein einziger Genuss.« So die Begründung der Jury zur Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2020 an Pieke Biermann für ihre Übersetzung von Oreo. – Erstmals auf Deutsch mit einem Schlüssel für Schnellleser, Antiken-Ferne etc., Anmerkungen, Glossar und einem Nachwort von Max Czollek. Liest sich vergnüglich und gewährt zugleich tiefen Einblick in eine spezielle US-(Sub-?)Kultur. HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter