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Olav Audunssohn

Autor Sigrid Undset
Verlag Alfred Kröner
ISBN 978-3-520-62905-0

Nur Geduld, möchte man dem heutigen Leser zurufen. Denn das Werk, das in einem Norwegen des 13. Jahrhunderts angesiedelt ist, scheint gerade zu Beginn hürdenreich, sowohl für die Motivation zur Lektüre als auch zum Verstehen des Wesentlichen des Geschehens. Die Autorin, Sigrid Undset (1882-1949), entführt die Leser in eine Geschichte, die exemplarischen Charakter für die damalige Zeit haben mag mit ihren Hauptakteuren, von denen insbesondere Olav Audunsson und Ingunn wachsende Zwiespältigkeit von Normen und Werten persönlich durchleben. Es ist ein Norwegen in Unruhe, wachsender Unordnung und Verunsicherung, eine Zeit von Machtkonflikten auf verschiedenen Aggregatebenen gesellschaftlichen bzw. gemeinschaftlichen (Staat/ Kirche/Bevölkerung) Lebens. Gleich zu Beginn konfrontiert die Nobelpreisträgerin von 1928 (für zwei Romane, einer davon der hier besprochene) den Leser mit zahlreichen Akteuren und Machtspielen, die Aufmerksamkeit benötigen, um sie zu verstehen.
Doch selbst wenn Leser dies weniger tun, sorgt die Autorin dafür, dass das Grundlegende, das Erodieren herkömmlicher Traditionen und Ordnung in Kombination mit innerhalb und außerhalb Norwegens glimmenden oder auflodernden Konflikten und Kämpfen gleichsam beiläufig zu erzählen. Dies tut sie anhand von Familien/ Clans, Gruppen und Personen, besonders exponiert und durchgängig anhand der zwei Liebenden, Olav und Ingunn. Sie geraten in diese Umbruchzeit, in der Kirche und Staat, Frömmigkeit und Aufbegehren, Zweifel, Angst und Hochgefühle miteinander in den Hauptakteuren ringen, vornehmlich dadurch, dass eine private Vereinbarung (Verlöbnis in der Kindheit) in einen Strudel rund um die Frage von Rechtmäßig- und Verbindlichkeit gerät.
Die Liebesgeschichte ist weniger eine Romanze im geläufigen Sinn. An ihr bzw. den Protagonisten werden grundlegende Umbrüche, Fühl- und Denkweisen, Regeln, die zu brechen man sich fürchten muss und ungewöhnliche Allianzen zu berücksichtigen sind, verdeutlicht. Dazu gehören auch biographische Etappen, die die Liebenden auseinanderführen, Bewährungsproben aussetzen und – unter essentiell veränderten Vorzeichen – wieder zusammenbringen. Sigrid Undset versteht es zudem, die persönlichen Entwicklungsschritte, Reifungs-, Veränderungsprozesse in Gesprächen und inneren Monologen zu schildern, etwa das Erlangen von Erkenntnis, Ringen mit inneren Widersprüchen, Wünschen, Geboten, Pflichten, Zweifel und Hoffnung, und zwar ohne psychologisierenden Jargon.
Das hilft dem Leser, sich in dieser (scheinbar) fern liegenden Welt vertraut zu machen mit Beweggründen für Gedanken, Gefühle. Man beginnt, mit den Figuren zu denken und zu fühlen, und das ist der Moment, in dem der heutige Leser sich in die ihm unvertraute und zuweilen Kopfschütteln provozierende Welt hineinbegibt – und durchaus Parallelen zum Hier und Jetzt findet, manchmal ganz konkret, wenn es um klassische Themen wie Liebe, Treue, Verrat, Zweifel geht, zuweilen übersetzt, indem man Denkfiguren und Fühlweisen aus der mittelalterlichen Sphäre in die gegenwärtige hineinträgt und staunt, wie wenig, wenn überhaupt, sich etwas geändert hat. Das meint „klassisch“.
Von dem Erzählten unabhängig ist die poetische, literarische, an Metaphern und bildlichen Analogien reiche Sprache der Autorin ein Genuss. Das trifft für Naturbeschreibungen ebenso zu wie für Schilderungen von Lebensumfeld und -bedingungen sowie für Zustandsbeschreibungen von Befindlichkeiten, Gefühlen, Gedanken. Schließlich noch ein Hinweis auf die Übersetzerin Gabriele Haefs, die offenbar zu den renommiertesten Übersetzern für skandinavische Literatur gilt. Dies vielleicht auch aufgrund ihrer fachlichen Expertise: Sie hat Volkskunde, Sprachwissenschaft, Keltologie und Skandinavistik studiert – und das ermöglicht ihr, sich den sprachlichen Reichtum der Autorin zu entfalten. drmahlmann@aol.com

Hanspeter Reiter