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Marcel Reich-Ranicki. Der doppelte Boden

Autor Thomas Anz (Herausgeber)
Verlag Kampa
ISBN 978-3-311-14018-4

Der doppelte Boden – das ist, was Marcel Reich-Ranicki von einer intelligenten und gehobenen Unterhaltungsliteratur fordert, in deren Blickpunkt das Publikum, konkret: das Gewinnen von Lesern, das Animieren zum Lesen fordert. Denn der Verzicht darauf, in erster Linie für ein eingeweihtes Publikum zu schreiben, habe dazu geführt, dass sich Leser an trivialer Literatur orientierten, an „Pseudokunst“ (S: 60) – und damit eine Kluft zwischen dem Roman und dem Publikum entstanden und gewachsen sei, die das Erforderliche überscheite. Es gehe ihm darum, dafür zu sorgen, diese Kluft zu verkleinern. Und damit begann er in Deutschland gleich nach dem Krieg, wo er sich rasch einen Ruf erwarb, dessen Spektrum von Bewunderung und Sympathie bis Ablehnung und Antipathie reichte – ausnahmslos eingewoben in Respekt. Die bekanntesten Foren boten im die Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Literaturchef er war, und das Zweite Deutsche Fernsehen mit der Sendung „Literarisches Quartett“. Zahlreiche Ehrungen und Dozenturen im Inland und Ausland, darunter natürlich Israel, ermöglichten ihm zudem, seine „Mission“ zu verfolgen und den eigenen Horizont zu erweitern – auf dem Weg zu seinem Ideal des Kritikers. Und vielleicht kann man – gerade auch eingedenk der Essays von Thomas Anz im Anschluss an die Gespräche – sagen, dass Marcel Reich-Ranicki selbst eine Art doppelten Boden verkörpert: der öffentliche, der vor Publikum bzw. auf ein Publikum hin agierende, wenn man so will: schauspielerische und – dies fundierende – der private, der sich in Arbeit vertiefende, sich dem sachlichen Literatursujet widmende.
In den Gesprächen mit dem Literaturkritiker Peter von Matt erläutert der prominente und einflussreiche Literaturkritiker (am Beispiel des Koffers mit doppeltem Boden), was insbesondere französische und englische, auch österreichische und schweizerische Romanciers diesbezüglich besser im Sinn von attraktiver machen. Nicht nur das Offensichtliche, der Inhalt, sondern auch das Lesen auf der Metaebene, das Lesen zwischen oder hinter den Zeilen mache neben Form, Dramaturgie, Sprachniveau das Gehobene dieser Literatur aus. Und das erklärt der Kritiker anhand zahlreicher sehr bekannter und weniger bekannter Literaten aus vergangenen Jahrhunderten und Gegenwart.
Am 2. 6. 2020äre Marcel Reich-Ranicki 100 Jahre alt geworden (gestorben 2013) – ein Anlass für zahlreiche Publikationen, die den Ruhm des bekanntesten Literaturkritikers der Bundesrepublik mehren und anhand seines Lebens und seiner Werke dokumentieren, worin sein Einfluss und zudem sein Ehrgeiz lagen: ein Kritiker zu sein, der sowohl umfassend gebildet (neben Literatur auch Musik und Theater, zumal er in jungen Jahren Theaterkritiker hatte werden wollen) und kenntnisreich als auch intellektualisierend im Austausch mit Vertretern aus Literaturwissenschaft, -kritik und Germanistik erweitert, prüft, ausbildet und somit kompetent ist, literarische Werke aus vielfältigen Perspektiven einordnen zu können und damit wesentliche Komponenten seines Ideals eines Kritikers wenn nicht erfüllt, so doch, sich ihnen zunehmend näherte.
Sind bereits sein Werk und sein empirischer, individuelle Literatenlaufbahnen zuweilen wesentlich mitbestimmender Einfluss, ja, seine Macht über Entfaltungsmöglichkeiten von Talenten und unbekannten Meistern beeindruckend (z.B. S. 76ff, einschließlich der Thematik von Funktion und Rolle von Kritikern), imponiert noch mehr, dass er als Überlebender des Warschauer Juden-Ghettos sich der Kunst im weiteren Sinn, der Literatur ganz im Speziellen, widmete.
Oder doch nicht so erstaunlich? In einer Gesprächssequenz thematisiert Peter von Matt das Jüdische in der Literatur anhand eines Zitats von Marcel Reich-Ranicki im Kontext historischer Betrachtung von Literaturkritik: „die deutsch-jüdische Tradition“, inwiefern man von Besonderheiten jüdischer Literatur (Werken von Juden) sprechen könne und inwiefern nicht. Mit kritischer Distanz zu dieser Fragestellung (S. 109ff) führt Marcel Reich-Ranicki als Besonderheit unter anderem die spezielle Lebenssituation von Juden in speziellen historischen, politischen und gesellschaftlichen Phasen an, die das Außerseiterdasein, das Ausgeschlossensein, das Isoliertsein, das Anderssein selbst hoch angesehener Literaten und Lyriker in den Vordergrund stellen – und die Antwort darauf. Beispielsweise bei Heinrich Heine: „Poesie der Resignation, in das lyrische Ich immer wieder abgewiesen wird und an dieser Abweisung leidet“, eine „Lyrik der Verzweiflung, der Trauer, der Resignation“ sei zwar auch in nicht-jüdischer Literatur zu finden, allerdings weniger in dieser Ausprägung und weniger häufig als Motiv (111ff). Diese Passagen des Gesprächs, in denen der Kritiker zahlreiche weitere Beispiele nennt und immer wieder prüft, inwiefern man das Jüdische in der Literatur hervorheben kann, sind nicht nur bildend, sondern auch berührend, ohne mit moralischen Vorwürfen, manifesten oder latenten, zu hantieren. „Die Fähigkeiten der Juden, ihre Leistungen in der Literaturgeschichte haben immer rationale Gründe.“ (S:118) Dazu gehörte die herausragende Rolle von Juden in der Kritik, begründet dadurch, dass ihnen etwa im wilhelminischen Deutschland und damaligen Österreich der Weg zur Professur versperrt war. „Sie mussten Kritiker werden“ (ebd.). „Juden haben immer die Rolle der Ruhestörer gespielt …. Juden waren Kritiker nicht nur der Literatur, des Theaters oder der Kunst, sondern auch immer wieder der Gesellschaft ihrer Epoche.“ (S. 119) Das systematische, strukturelle Ausgeschlossensein, die Diaspora, offener oder verborgener Antisemitismus – Antworten darauf zeigten sich folgerichtig in der Präferenz für Theorien, die grundlegende gesellschaftliche oder/und kulturelle Veränderungen brachten oder verhießen, etwa „Marx, Freud, Einstein“ (S. 119)
In den zwischen 1986 und 1991 geführten und von Thomas Anz herausgegebenen Gesprächen findet der Leser in sprachlicher Eleganz weitere Themen erörtert, kurzweilig und mit Freude an der Sprache zu lesen (Erotik, Sexualität in der Literatur, literatur- und politisch historische Einordnungen von Werken und Autoren sowie Wechselwirkungen, scheinbare oder tatsächliche Rivalitäten (und deren psychologische Motivation), Literatur und Medien, Begründungen für Bewertungen von Werken durch den Kritiker).
Den Gesprächen folgen vier Essays des Herausgebers, Verwalter des publizistischen Nachlasses von und Gründer der Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland. Der emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Marburg ist zudem Herausgeber der online-Zeitschrift literaturkritik.de, in der er sich selbst über das Buch zu Wort meldet (https://literaturkritik.de/reich-ranicki-doppelte-boden-gespraech-ueber-literaturkritik-mit-peter-von-matt,26743.html). Diese Aufsätze, zu unterschiedlichen Anlässen als Vorträge gehalten, sind äußerst lesenswert – und am liebsten würde man viel daraus zitieren – weil sie unter anderem Seiten der Persönlichkeit des Kritikers, biographische Notate, mentale Herkünfte und Charakteristika seines Denkens und Plädierens aufzeigen, die wenig öffentlich und nur zum Teil dem aufmerksamen Leser der vielfältigen literarischen Manifestationen von Marcel Reich-Ranicki sind.
Zum mentalen und historischen Einbetten von Arbeit und öffentlichen Auftritten, von Bildungs- und Nachdenkenshorizont, von Argumentationen, Interpretationen und Begründungen bis hin zu den „Performances“ des Meisterkritikers erleichtert die knappe biographische Skizze am Schluss, gefolgt von Literaturhinweisen.
Man bleibt nachdenklich und äußerst beeindruckt zurück – und ist hochmotiviert, sich den Werken Marcel Reich-Ranickis vertieft zu widmen. Dass man sichauf diese Weise zudem noch sich selbst literarisch weiterbildet, ist ein erwünschter Kollateralnutzen. Diesem Buch sei eine breite Leserschaft gewünscht.

Regina Mahlmann