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Literatur im Labor

AutorFranco Moretti et al.
VerlagKonstanz University Press
ISBN3862530817

„Die vermessene Literatur“ lautet die Kapitel-Überschrift für die Einleitung durch den Herausgeber, der das Projekt angestoßen hat: Es geht darum, durch digitale Analysen Geschriebenes zu interpretieren, etwa durch Zählen bestimmter Wortklassen resp. Drüberlegen entsprechender Folien, siehe etwa »Morphologie«, »Gattung«, »Register«, »System«, »Stil«. Wer sich damit befassen will, möge sich so hinführen lassen…

Wirken von Literatur verständlich(er) machen
Eine andere Perspektive einzunehmen, nämlich in die Meta-Rolle zu schlüpfen, darum geht es hier: »Es ist faszinierend, wie eine Reihe quantitativer Messungen in einen Dialog mit Begriffen tritt und diese allmählich verändert. Allmählich. Vergessen Sie den Hype um die Computerisierung, die angeblich alles schneller macht. Ja, Daten können mit unglaublicher Geschwindigkeit erhoben und analysiert werden; doch die Erklärung dieser Ergebnisse – es sei denn, Sie geben sich mit der erstbesten Plattitüde zufrieden, die Ihnen einfällt – ist etwas ganz anderes; hier hilft nur Geduld.«

Inhalte in der Übersicht
Das bietet der Reader an konkreten Analysen, Interpretationen, Einblicken:
1 Quantitativer Formalismus. Ein Experiment 17
2 Stil auf der Ebene des Satzes 49
3 »Operationalisieren« oder die Funktion des
Messens in der modernen Literaturwissenschaft 85
4 Banksprech. Die Sprache der Weltbank-Jahresberichte, 1946–2012 103
5 Über Absätze. Ebene, Themen und narrative Form 133
6 Kanon/Archiv. Großflächige Dynamiken im literarischen Feld 163
7 Die Gefühle von London 215
8 Muster und Interpretation 251
… weite Felder also, erschlossen im Grunde mithilfe von Computerlinguistik.

Beispiel Banksprech
Auf den Band gestoßen war ich via „Banksprech. Die Sprache der Weltbank…“, geht es dort doch um Wirtschaft, um Marketing-Texte, mein Feld. Erkennbar werden über 66 Jahre hinweg z.B. Änderungen in der Semantik, weitest gehend gleich geblieben ist dagegen (grob vereinfacht) die Grammatik: Nominalisierungen und Fremdwörter spicken den Banksprech. Interessant auch diese Aussage zu Abbildung 13 (diverse Grafiken visualisieren Quantitäten): „Zwischen 1946 und 2008 ist die Häufigkeit von Zeitadverbien (jetzt, kürzlich, später usw.) um über 50 % zurückgegangen. Sie sind das einfachste sprachliche Mittel, um Ereignisse zeitlich aufeinander zu beziehen. Ihr Rückgang lässt auf eine drastische Schwächung des Zeitsinns in den Weltbankberichten schließen.“ (S. 128) HPR

Hanspeter Reiter