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Kritisches Denken einfach erklärt

Autor Kritisches Denken einfach erklärt (Edition transcript) Andreas Blessing und Philip Barth
Verlag transcript
ISBN ‎ 978-3-837-67435-4

Der Titel des schmalen Bandes mit 120 Seiten und gut zu lesender großer Schrift spiegelt zumindest einen Ausschnitt aus dem betriebenen Podcast wider. „Kritisches Denken“ ist Programm, dessen Schwerpunkt auf einigen charakteristischen Fehlern in Wahrnehmung und Denken sowie in der Kombination von beiden liegt, beeinflusst von Befindlichkeiten unterschiedlicher Provenienz. „Kritisches Denken“ wird, wie der Titel verspricht, „einfach erklärt“, eingängig und bespickt mit persönlicher Note, sehr bekannten Beispielfeldern sowie eigenen Experimenten und Erlebnissen aus dem Alltag, die die jeweilige Denkfalle illustrieren.

Zur Einführung widmen sich die Autoren zwei Grundlagen „kritischen“ Denkens“ Sie kreisen ein, was sie unter „kritisch“ verstehen, vornehmlich das Trennen von Fühlen, Glauben, Meinen von Begründen mit Bezug auf Fakten/Wissen und Logik, also rationaler und belegbarer Folgerichtigkeit von Argumentation. Herausgestellt wird zudem das Vorzeichen kritischen Denkens und Argumentierens, nämlich das subjektive „Weltmodell“, das Vorzeichen allen Wahrnehmens, Denkens, Argumentierens, der mentalen und emotional-moralischen Voreinstellung, die mit zunehmendem Lebensalter über das Was und Wie von Möglichkeiten für Erkennen und Denken maßgeblich entscheidet, einschließlich dessen, was eine Person an Perspektiven, Argumenten(ketten) zulässt.

Sie entscheidet zudem mit darüber, inwiefern man in Denkfallen hineintappt bzw. ihnen verhaftet bleibt bzw. sich selbst dazu aufruft, das eigene Denken und Meinen zum Gegenstand selbstkritischer Diskussion zu machen. Dieser Appell zieht sich durch die Kapitel, und der „kritische“ Leser hätte sich an manchen Passagen dies auch von den Autoren gewünscht. Dazu einige Hinweise, zumal die Autoren zu „kritischer“ Rückmeldung einladen.
Der Wunsch nach „kritischer“ Betrachtung und Argumentation gilt nicht nur theoretisch-begrifflichen Aspekten, sondern zudem für Beispiele. An ihnen deklinieren die Autoren, wie sich „kritisches“ Denken praktizieren lässt. Es geht um Beispiele aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben, etwa Klimawandel, Corona, Verschwörungserzählungen, um nur einige zu nennen. Herausgegriffen seien Beispiele aus dem wissenschaftlichen Raum, für den sehr gut dokumentiert ist, wie ideologische Voreinstellungen prägen.

Gerade hier wäre ein „kritischer“ Blick willkommen; denn auf diesem Feld gibt es nachweislich bedenkliche Entwicklungen, die Wissenschaft Vertrauen kosten und Betroffene Bedrohungen aussetzen, nicht selten das Karriereende besiegeln. Dies zeigen etwa das Netzwerk „Wissenschaftsfreiheit“ ebenso wie Netzwerke von Wissenschaftlern, die anonym Erkenntnisse publizieren, weil sie andernfalls (wie dokumentierte Fälle auch in der Bundesrepublik Deutschland zeigen) Nachteile (Anfeindungen, Ausladungen, Karriereende) befürchten müssen. Das Zeitgeist-Opportunistische äußert sich zudem darin, dass bestimmte Forschungsfelder kaum bis nicht mehr bedient werden, etwa zu Nahost und noch bis in die jüngste Vergangenheit und in die Gegenwart reichende Fokussierung auf Friedensforschung, zu Lasten von Militär- und Kriegsforschung. Der Leser vermisst hier eine deutlich „kritische“ Darstellung, eine Deklination „kritischen“ Denkens.

„Kritische“ Leser wundern sich zudem unter anderem darüber, dass Minderheitsvoten zu Gunsten von Mehrheitsvoten weniger Berechtigung zugesprochen wird. Seit wann, fragt man sich, ist Quantität ein Qualitätsmerkmal, zumal dann, wenn es um „kritisches Denken“, um Logik, Belegbarkeit, Argumentation geht? Einer weiteren Auflage dieses leicht lesbaren und in sympathischer Tonalität gehaltenen Bandes ist zu wünschen, dass die Autoren ihrem eigenen Appell in Auswahl und Diskussion stärker folgen: Kontroversen, Debatten, Diskurse beherbergen per se das Potenzial, „kritische“ Gedanken zu formulieren, zu argumentieren und zu schlussfolgern und auf diese Weise eigene Erkenntnis zu erweitern. Darum geht es, nicht darum, Recht zu haben oder einer Meinung zu sein. Frei nach Jürgen Habermas: Das bestgefütterte Argument möge den Ausschlag für Weiteres geben. Das zu leisten, ist den Autoren durchaus zuzutrauen, gerade weil sie aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und damit Denktraditionen stammen: Physik und Biologie, Psychologie/ Neuropsychologie, Psychotherapie. Sie bedienen seit 2018 einen Podcast „Kritisches Denken“, mit wechselnder Gastbesetzung. Die Gespräche kreisen um wissenschaftliche und philosophische Themen, in eher populär-fachlicher Version, so dass gemeinsam untereinander und mit Teilnehmern über unter anderem Denk- und Erkenntnisprozesse, über Denkmodi und Erkenntnisweisen diskutiert werden kann.

Regina Mahlmann