Josef Lautenbachers Reise nach Flätz
| Autor | Jürg Beeler |
| Verlag | Knapp Verlag |
| ISBN | : 978-3-907-33446-1 |
Was für ein Roman! Kurz, flüssig geschrieben, mit humorvollen Volten, die jedoch im Verlauf seltener zu finden sind, aus nachvollziehbarem Grund. Eine Sprache ohne Schnörkel und doch zuweilen hochpoetisch.
Unabhängig davon, ob man den Roman von Jürg Beeler als „Hommage an Jean Pauls Erzählung „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz“ liest und weitere literarische Bezüge erschließt oder als Darstellung eines realistischen Geschehens in einer modernen, heute: digital dominierten Welt und Josef Lautenbacher, pensionierter Buchhändler, als unzeitgemäßes Original – unabhängig davon oszilliert die Erzählung um Themen, mit denen frisch Pensionierte und ihr direktes Umfeld unmittelbar zu tun haben.
Dazu gehören klassische Konfliktsituationen innerhalb der Person Josef Lautenbachers, dem seit drei Wochen in Ruhestand befindlichen Senior, der maßgeblich in inneren Monologen lebt, in Erinnerungen an seine Buchhandlung und Bücher (Literatur), sowie zwischen ihm und seiner Frau, die konträr charakterisiert wird als vital, in und durch Beziehungen lebend, aktiv.
Alleinseinwollen auf der einen, mit anderen sein wollen auf der anderen Seite – eine Konstellation, die das weitere Geschehen im Roman bestimmt, unter anderem von der Wandlung Josef Lautenbachers vom Leser, Rezipienten zum „Schriftsteller“, Akteur und gleichsam Abenteurer, sein Aufbruch in eine andere Stadt. Auch dies verläuft charaktertypisch (und) anders als geplant.
Es scheint, als verträten die beiden Charaktermasken, Typen, Charaktere, als seien sie auswechselbare Statisten. Der interpersonale Grundkonflikt kreist um gegensätzliche Seins- und Lebensausrichtungen. Pointiert: introvertiert hier, extravertiert da. Entsprechend polar werden die Lebenswelten gezeichnet, zwischen denen es keine Berührungspunkte zu geben scheint. Doch das täuscht, wie der aufmerksame Leser allmählich bemerkt.
Josefs Reise ist motiviert von dem Widerwillen, der Geburtstagsfeier beizuwohnen, die seine Frau Luise anlässlich ihres 70. und seines 65. plant. Es ist das nun Folgende, das sich von dem Hauptthema verlagert auf das „Schicksal“ Josefs, auf seine Person, seinen psycho-physischen Zustand, seine Träumereien, sein Leben in und durch klassische Literatur, seine Irrtümer, Unternehmungen, Selbstgespräche. Auf den Leser wartet eine vermutlich überraschende Wendung, die sich zudem in der Sprache des Autors und der Atmosphäre, die er erzeugt, niederschlägt. Vielleicht ahnt der eine oder andere Leser den Ausgang des Ausflugs von Josef Lautenbacher, dem Buchhändler und Eigenbrödler.
Der Roman sei durchaus empfohlen. Personen, denen der Ruhestand vor Augen ist sowie denen, die mit Ruheständlern zusammenleben. Das trifft gerade auf das erste Drittel bis auf die Hälfte des kurzen Romans zu. Leser finden typische Konstellationen, nachdenklich stimmende innere Monologe, ausgelöst durch vertraute Begegnungen in unvertrautem Kontext samt Auswirkungen auf mentale Zustände, und alltagstypische Dialoge. Diese gewinnen im weiteren Fortlauf an Bedeutung, wandeln sich in vielfältiger Weise, sind durchaus nicht gängig – und dennoch bedenkenswert, wenn man die Entwicklung Josefs nicht pathologisch deutet.
In einer Zeit, in der selbst in Unternehmen und von externen Weiterbildnern/ Beratern/ Coaches Vorbereitungskurse auf den Ruhestand angeboten werden und Einsamkeit ein viel beachtetes Thema ist, kann der Roman als gemeinsame Lektüre dienen, als Sprungbrett für individualisiertes gemeinsames Reflektieren und Entwerfen von Optionen, wenn es soweit ist: der Ruhestand. Selbstverständlich gilt das gleiche für Selbsthilfegruppen, Lesekreise außer- und innerhalb von Gemeinschaften (Mehrgenerationen-Wohnen, Senioren-Wohnen). Ein Roman als Initialzündung für das eigene Leben, sofern gewünscht.
