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Jederzeit besuchsfähig. Über Heimito von Doderer.

AutorWendelin Schmidt-Dengler Hg. Gerald Sommer
VerlagC.H.Beck
ISBN978-3-406-63852-7

„Zufall: Daß ich mit Doderers Nachlaß zu tun bekam, war ein für mich glücklicher Zufall“, so der 2008 verstorbene Wendelin Schmidt-Dengler, ehemaliger Vorstand des Instituts für Germanistik der Universität Wien, Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, Autor einer bemerkenswerten Anzahl an Publikationen, Träger von Auszeichnungen und Ehrenvorsitzender der Heimito von Doderer-Gesellschaft, deren aktueller Vorsitzende der Herausgeber dieser Auswahl von Schriften ist.

Lange „begleitet“ der Autor den Autor
Wendelin Schmidt-Dengler hat sich über vier Jahrzehnte mit dem Autor und dessen Persönlichkeit, soweit sie in Romanen, Erzählungen, Tagebucheintragungen, Briefwechseln, Romantheorie und Schriftstelleridentität sichtbar wird, befasst. Die Auswahl seiner Schriften, die er wegen seines frühzeitigen Todes nicht mehr selbst treffen und auch die Texte, wie er es vorhatte, nicht mehr redigieren konnte, ist beides: höchst lehrreich und ein Lesegenuss.
Lehrreich und hochinformativ wird der Leser durch das Gesamtwerk Heimito von Doderers geführt. Dies insbesondere analytisch und hermeutisch in Bezug auf Sprachbilder, Sprachgebrauch sowie bezüglich der Bedeutung von Orten (z.B. Cafés), Landschaftsbeschreibungen, Bahnfahrten, Menschenprofilierung und zentrale Kategorien für Doderers Schaffen. Zu ihnen zählen prominent die Kategorie der Apperzerption bzw. Apperzeptivität als Grundhaltung, die mit dem Programm der Zurücknahme der persönlich-privaten Belange im Schreiben verflochten ist; ferner Begriff und Erleben von Krise, das Sublimieren von Krisen in nicht-psychologistischer Weise; die Differenz von erster und zweiter Wirklichkeit im Verfassen von Texten. Als Anliegen zentral gilt zudem Menschwerdung im Zusammenhang mit Umwegen, und in Bezug auf die Anlage der Werke „Form vor Inhalt“ – eine Grundüberzeugung des Schriftstellers mit gravierenden Folgen für die Schriften.

Lektüre zur Lektüre
Jene Leser, die bereits Texte, insbesondere Romane, von Doderer gelesen haben, können dem Germanisten nicht nur besser folgen als jene, die Heimito von Doderer noch entdecken müssen. Mit ihm bekannte Leser werden „Aha“- oder „Ach-so“-Erlebnisse genießen und das Werk des Schriftstellers in einer Tiefendimension kennenlernen, die umgehend dazu motiviert, gelesene Werke erneut zu lesen und anhand des Überblicks über das Gesamtwerk zu schauen, welche Schriften in der eigenen Bibliothek noch fehlen. Wiederholte Lektüre ist übrigens bei diesem Autor unvermeidlich, um den bewunderungswürdigen Sprach- und Ideenreichtum sowie die Architektur der Werke zu erfassen. Den Leser dabei zu unterstützen, gelingt Wendelin Schmidt-Wengler durch Expertise, distanzierte Sympathie, durch seinen Stil, der literaturwissenschaftliche Präzision mit pointierter, humorvoller und eleganter Sprache verbindet und zudem seine Befunde mit ausführlichen Textbeispielen belegt bzw. illustriert. All dies – ganz im Geist Heimito von Doderers – jenseits von Psychologisierung, und dies, obgleich er die jeweilige Lebenssituation, Ausrichtung in Denken und Fühlen, maßgebliche Einflüsse (v.a. Autoritäten Rainer Maria Rilke, Maler und Schriftsteller Gütersloh), persönliche Befindlichkeiten, Denkschwerpunkte und Persönlichkeitsfacetten des Schriftstellers einspeist. Die Lektüre dieser Zusammenstellung ist also ein Gewinn in mehrfacher Hinsicht (Orientierung im Gesamtwerk, Verstehen fördernd, Feinheiten entdeckend, Bezüge herstellend, Lesegenuss). Hervorgehoben sei noch, dass Wendelin Schmidt-Wengler das Werk Doderers auch im Kontext von traditioneller und „moderner“ Literatur bespricht – und zeigt, inwiefern sich Heimito von Doderer der eindeutigen Zuschreibung und Schablonisierung entzieht.

Rundum Doderer…
Der Reader eignet sich nicht nur zu einer einführenden, sondern noch mehr zu einer begleitenden Lektüre von Schriften Doderers (Nachschlagewerk). Zusammen mit dem Buch von Klaus Nüchtern (Kontinent Doderer, ebenfalls C.H. Beck, 2016), der sich schwerpunktmäßg auf die Hauptromane (Strudlhofstiege, Die Dämonen) bezieht, aber auch andere Romane erwähnt, fördern diese beiden Sachbücher zu Heimito von Doderer unter anderem ein Verständnis dafür, warum der Schriftsteller für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen war (und woran es scheiterte, siehe Klaus Nüchtern). Die beiden Sachbücher ergänzen einander vortrefflich, das eine geht in die Tiefe der Schriften, der andere legt Schwerpunkte, sowohl bezüglich der Textauswahl als auch das Einkreisen Doderers Schaffen.
Die Inhaltsübersicht der Auswahl Wendelin Schmidt-Denglers Beiträge (siehe editorisches Nachwort) gibt jeweils Texte Doderers bzw. Kategorien an, denen sich der Autor im Besonderen zuwendet. Auch dies ein Indiz dafür, dass sich die Beiträge zur begleitenden Lektüre Doderers Werke eignen. Der „glückliche Zufall“, der Wendelin Schmidt-Wengler und Heimito von Doderer zusammenführte, ist ein ebensolcher für den Leser.

Hanspeter Reiter