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Hinter dem Nebel

Autor Christoffer Carlsson
Verlag Rowohlt Polaris
ISBN 978-3-463-00082-4

„Die Halland-Krimis“ verweist gleich darauf: Das ist ein Lokalthriller, mit 450 spannenden Seiten. Verbunden mit Fragen wie „Wie weit gehen wir für unsere Träume? Und wen sind wir zu opfern bereit?“…

Skandinavien und Weltpolitik
…stecken bald erkennbar hinter den seltsamen Geschehnissen dieses geschickt aufgebauten Polit-Thrillers, der im Literatur-Milieu spielt – und nun eine Serie spannend und zugleich informativ weiterführt: „Der vierte Fall für Vidar Jörgensson: Selbstmord oder Mord? Als man Johan Oskarsson erhängt auffindet, deuten alle Zeichen auf Selbstmord – der Schriftsteller war eine zerbrechliche Seele. Polizist Vidar will den Fall eigentlich zu den Akten legen, doch es gibt Anzeichen dafür, dass jemand ihn zum Schweigen bringen wollte.“ Das sieht jedenfalls Autor Christoffer so, zu dem er nach langer Zeit (wieder) Kontakt gesucht hatte, kurz vor seinem Tod (S. 28f. etc.). „Denn die Biografie über die berühmte schwedische Autorin Ingrid Klinga, an der er vor seinem Tod schrieb,“ (S. 67f. etc. pp.) „führt tief hinein in die dunklen 1950er-Jahre: in die Machenschaften der schwedischen Nachrichtendienste, gefährliche Loyalitäten, in Netzwerke, in denen Menschen ihre Seele verkauften, um sich selbst zu retten oder ihre Ziele zu erreichen. Wie heikel die Themen sind, mit denen sich Oskarsson beschäftigte, muss Vidar bei seinen Ermittlungen am eigenen Leib erfahren.“ Interessant ist an dieser Fiktion (mindestens) zweierlei: Die offensichtliche Nähe zu Fakten oder gar Autofiktion (Autor im Buch und des Buches namensgleich plus das geheimdienstliche Vorgehen) – plus das extrem zurückhaltende Auftreten des eigentlichen Kern-Protagonisten Vidar gegenüber Literat und hier nun auch Ermittler Christoffer…

Autor und Ermittler
Der nach und nach auf immer neue Ansatzpunkte stößt, die dann durch Rückblenden ins „wirkliche“ Geschehen für die Leserschaft vertieft werden (siehe etwa S. 116ff. usw.). Und im Interview mit Klinga versucht, Verschwommenes nach und nach zu klären (S. 156ff. z.B.), was zu erneutem Verwirren führt. Was ihre Rolle angeht in früherem Geschehen, einen scheinbar aufgeklärten Mord aus jener Zeit betreffend (S. 188f. etc.). Schön die literarischen Spielereien und Bezüge im Verlauf der Story, was Schreiben und Rezeption angeht (S. 225ff. usw.) – und überhaupt im Literatur-Betrieb zu bestehen (S. 257ff. in anderer Schriftart z.B.). Doch letztlich geht es um Liebe und Manipulation (S. 256f.), vor allem in den wechselweise eingespeisten Rückblenden wie im fünften Teil „Dunkelheit – Uppsala 1958-1959“ (S. 291ff. etwa als Niederschrift eines Psychologen – Verarbeiten durch Schreiben eben eines Romans inkl.). Immer wieder ins Spiel kommt zudem das linke Spektrum in jener Zeit als Ambivalenz von (schwedischer) Sozialdemokratie und Kommunismus (siehe etwa. S. 323ff.). Schließlich führt die Kombination aus Lektüre der Klingaschen Romane mit seinen weiteren Ermittlungs-Ergebnissen (Archive z.B., siehe S. 394ff. – oder Interviews mit schon sehr alten seinerzeit Beteiligten, S. 426f. z.B.) Christoffer zur Lösung (S. 358f.) – und ihn wieder mit Vidar zusammen, der über relevante Erkenntnisse aus anderen Quellen verfügt. Voila, so wird aus einem Lokal- und Polit-Thriller sogar eine Art Spionage-Roman: In diesem Genre-Mix bestens zu genießen… HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter