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Fröhliche Scholastik

AutorFrank Rexroth
VerlagC.H.Beck
ISBN 978-3-406-72521-0

Der Autor formuliert in seinem Vorwort eine autobiographisch gefärbte Fragestellung, die die Entwicklung von Wissenschaft und Universität leitete und gegenwärtig ebenfalls aktuell ist: die Frage, inwiefern Wissenschaft und Universität dem zweckgebundenen Nutzen außerhalb ihrer Sphäre dienen (sollen, wollen, können) oder sich einer „Skepsis“ und „Respektlosigkeit“ verschreiben (sollen, wollen, können). Franz Rexroth, Professor für Mittlere und Neuer Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen, nimmt das rezente zunehmende Mainstreaming, Selbstzensieren als einen entscheidenden Anlass für sein – das sei bereits bekannt – außerordentlich lesenswertes Buch. (Wie akut diese Spannung ist, zeigen Entwicklungen an Universitäten, die im Geist ideologischer Dominanz Debatten ersticken, Diskussionen verhindern – und sogar in die Gründung eines Journals münden, in dem Wissenschaftler anonym publizieren können; siehe FAZ vom 6.2.019: „Journal für kontroverse Ideen“ von Philip Plickert.)

Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, nahm ihren Ausgang nicht erst im Zeitalter der Aufklärung bzw. der Gründung der ersten Universitäten im 13. Jahrhundert, sondern bereits im Mittelalter des zehnten bis 12. Jahrhunderts. Diese mittelalterliche Epoche ist nicht nur nicht dunkel, sondern hell erleuchtet – gemessen an der Abkehr von Dogmen, Doktrinen und Nachdenken dessen, was Autoritäten bereits gedacht, gelehrt, geschrieben haben.

Das Glossieren überlieferter Texten durch Mönche verwandelt sich allmählich in das, was der Autor einer eigensinnig werdenden Wissensproduktion und Wissenschaft (Wissen schaffen) zuschreibt: Glossierung mit eigenen Kommentaren wird bereichert um Neugier auf das Überschreiten von tradierten Denkgrenzen, erschließt neue Fragen, womit auch Denkformen entfaltet werden und zur Geltung kommen, die bis dahin ungenutzt waren. Wissen(sproduktion) orientiert sich immer weniger an tradierten Rahmenbedingungen, sondern stellt diese in Frage und verfolgt via Fragen, Zweifeln, Reflexion seine eigenen Bedingungen der Möglichkeit ebenso, wie Dogmen unter neuer Logik und Paradigmatik auf ihre Gültigkeit (in welchen Sphären) befragt werden. Insbesondere eine der „sieben Künste“ leistete maßgebliche Wirkung: die Denkform der Dialektik, die im 11. Und zu Beginn des 12. Jahrhunderts neue „Episteme“ bahnte und mit ihr grundlegenden Wandel in Fundamentalkategorien wie etwa „wahr“und „falsch“.

Das gelehrte Wissen, schreibt der Autor, wird reflexiv: Es bezieht sich auf sich selbst, befragt sich selbst auf Bedingungen der Denkmöglichkeit und Alternativen hin und verändert somit zweierlei: Denklogik, die Art, Texte zu lesen, Deutungen und Wissen zu prüfen und zu erzeugen, Wissen um seiner selbst willen zu schätzen („fröhliche Scholastik“) und von seiner Zweckausrichtung zu befreien, Rationalität von Glauben abzugrenzen und dialektisches, logisches, vernünftiges Denken auf theologische Fragen zu beziehen; zum anderen verändert sich die Beziehung von Meister/Lehrer und Schüler und damit verwobene pädagogische Konzepte. Die Kapitel zu dieser Wandlung provozieren im Leser unweigerlich Assoziationen um die katholische Kirche und die Missbrauchskultur – nicht primär oder nur, um zu verurteilen, sondern um zu verstehen, welchen zusätzlich zu den heutig diskutierten strukturellen Gründen ein ererbtes Autoritätsverhältnis leisten mag, das Liebe und Freundschaft mit psychischer und physischer Gewalt verband.

Wissensproduktion und –vermittlung wurde nicht mehr nur in Klöstern, Kirchen, Kathedralen betrieben, sondern von anderen sozialen Gruppen und freien Schulen, sei es in der Zurückgezogenheit mit einem Meister, sei es in Form von Wanderschaft mit Anschluss an städtische Infrastruktur. Die Ausführungen von Frank Rexroth zu diesem fundamentalen Wandel orientieren sich weniger an einzelnen Autoritäten als an insbesondere sozialpsychologischen und –kulturen Dynamismen – auch wenn der Autor einzelne Protagonisten besonders zu Wort und zur Geltung kommen lässt.

Standen sich zunächst der scholastische und monastische Wissenschaftsdiskurs gegenüber, kann man den sich in Briefen und später in Expertentexten ausbildenden humanistischen Diskurs und entsprechende Praktik als Versuch nehmen, beides zu vereinen. Fran Rexroth zeigt in diesem Kapitel das, was analog auf die Wissenschaft vorbereitende Scholastik zutrifft: „….geht es uns also nicht darum, den genuin humanistischen oder renaissancehaften Charakter des 12. Jahrhunderts zu bezeichnen, sondern nachzuweisen, dass in diesem Jahrhundert ein Diskurs gepflegt wurde, den man sinnvollerweise als humanistisch bezeichnen kann. Er stand mit den gleich zeitigen Diskursen der Scholastik und der Monastik in Abgrenzungs- und zugleich in Austauschbeziehungen.“ (S. 267)

Das spezifisch Humanistische kann man als Konvergenz von (neben sachlicher vor allem literarischer) Bildung und praktischer Einspeisung dieses Wissens in ein verantwortliches Handlungs- und Pflichtethos bezeichnen. (In diesem Verständnis humanistischer Bildung und Tätigkeit bieten sich unbedingt Anknüpfungspunkte für eine veränderte Debatte um bürgerliche Teilhabe an politischen Entscheidungen in der Gegenwart.) Im Zuge dieser Herausbildung wurden „Bildung“ von „Wissenschaft“ begrifflich differenziert, eine Unterscheidung, die unter anderem die Erkenntnis ermöglicht, von „zwei Lebensentwürfen“ zu sprechen, die sich lebenspraktisch niederschlug und für das Verständnis von Universität (später: Fachhochschule und Universität) bedeutsam ist.

Der humanistische Diskurs wurde praktisch als (theologisch) unverdächtiger möglich durch die mediale Form des Briefes. Die Ausführungen dazu sind auch deshalb hochinteressant, weil Frank Rexroth die Briefkultur fein differenziert und den Leser aufklärt über die Relevanz der Schreiber, deren Beziehung zueinander sowie das Schreiben (Stil, Wortwahl, Konnotationen) von bzw. in Briefen aufschlüsselt in Relation zu den – ebenfalls differenzierten – Kategorien Liebe und Freundschaft. Dass der Brief zudem eine wissenschaftshistorisch dermaßen entscheidende Form darstellt und eine Weiterentwicklung in Richtung Versachlichung: Expertise, Gutachten, erhält, gehört zu den staunenswerten Erkenntnissen für Leser (Nichthistoriker).

Die (unter anderem) durch den humanistischen Bildungsbegriff und dessen Praktik erzeugte „praktische Wissenschaft“, eine Wissenschaft, die sich an – heute würde man sagen: gesellschaftlich relevanten Zwecksetzungen orientiert, ermöglichte Ausbildung funktionaler Wissenschaft wie sie sich in der „Wissenschaft vom Recht“ zeigt – stets in Auseinandersetzung mit dem scholastischen Wissenschaftsideal. Beide Strömungen finden sich in der sich im 12. Jahrhundert herausbildenden Universität wieder: in Disziplinen mit den ihnen eigenen Schwerpunkten. „Polare Spannungen konkurrierender Leitwerte wurden stattdessen als „Zwillingsziele“ (Francis Bacon) aufeinander bezogen und dadurch verstetigt: Wahrheit und Nützlichkeit, Theorie und Praxis, Wissen und Macht, Autonomie und Verantwortung, Forscherdrang nach Ursachenwissen und der Wille, in der Welt etwas zu bewirken.“ (S. 350) Diese Konstellation währt bis heute und – das ist das Anliegen des Autors – wurde durch die Scholastik erst ermöglicht.

Dass in dieser wissenschafts- und gruppenhistorischen Betrachtung sozial- und ökonomische Einbettung weitgehend fehlen und als (strukturelle, systematische) beeinflussende Variablen nicht in Betracht gezogen werden, scheint aufgrund des enggeführten Erkenntnisinteresses kein Mangel. Im Gegenteil: Der Fokus auf Wissen produzierende Milieus lässt die paradigmatischen Wandlungen (Episteme und Kategorien, Lebensphilosophien und –entwürfe) scharf hervorheben und erhöht somit zumindest für den „mittelalterlichen Laien“ den Erkenntnisgewinn.

In der einkerkernden Ideologisierung und Vereinseitigung wissenschaftlicher Debatte, die heutzutage das Schwimmen entgegen des Mainstreams nur mit dem Mut zu Negativsanktionen, Ausladungen, Skandalisierungen zulässt, wünscht man sich eine „Fröhliche Scholastik“ in ihrer Auseinandersetzung mit dem Hauptstrom zurück. Dass eine Entwicklung des 11. Und 12. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert als regulative Idee fungiert – wer hätte das gedacht?

Hanspeter Reiter