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Die Wagners

Autor Michael Lemster
Verlag Benevento
ISBN 978-3-710-90168-3

Nach „Die Mozarts“ (2019), „Die Grimms“ (2021) und „Strauss“ (2024) nun „Die Wagners“.
Auch dieses Buch empfiehlt sich zum mehrmaligen Lesen, weil es fachkundig sozial- und kunsthistorische Details und deren Einordnung bietet mit Fokus auf die Dynastie Wagner, einschließlich der verzweigten Netzwerke im In- und Ausland und inklusiv deren Bedeutung für sowohl die Persönlichkeit Richard Wagners und sein Werk, besonders für die Festspiele in Bayreuth, als auch umfassend auf Entstehungsbedingungen eingeht. Panorama und Zeitkolorit.
Neben Biographischem ungezählter für – schlussendlich – das Stattfinden der Festspiele in Bayreuth direkt und indirekt höchst bedeutsamer Persönlichkeiten (darunter zahlreiche Juden) aus Musik-, Kunst-, Kulturwelt informiert Michael Lemster, Kulturwissenschaftler und freier Publizist für Publikationen in Deutschland und der Schweiz, mit ausgreifenden und doch eng am Gegenstand geführten Schilderungen sowohl zu Herkunft, Bedingungen der Möglichkeit für Richard Wagners Werden und Leisten als auch zu bedeutsamen Wandlungen und Inszenierungen insbesondere der Festspiele bis in die Gegenwart. Verbunden werden Schilderungen und Erläuterungen mit den jeweiligen Motiven der Akteure des verzweigten Kreises an Unterstützern, unter ihnen, das sei angesichts der Antisemitismen hervorgehoben, zahlreiche Juden.
Der Rund- und Einblick beginnt mit der Familiengeschichte, der Mutter Richards Wagners und deren unmittelbare Ahnen. Ihr Lebenslauf ist beeindruckend ausgeführt, eine Art Stehauf-Frau, zwischen Armut, Prinzengeliebte, glücklichen Zufällen und zwei Ehen mit zahlreichen Kindern; Richard Wagner war das neunte.
Dies wird ausführlich dargelegt, um nicht zuletzt nachvollziehbar zu machen, aus welchen Gründen Richard Wagner seine „Mission“ empfunden und kompromisslos verfolgt hat, warum er sich von ihr sein Leben lang hat antreiben lassen. Attestieren kann der Leser ihm daher eine bemerkenswerte Resilienz, samt Wagemut und Ausweglosigkeitsängsten, zweifelhaften Allianzen, Loyalitäten und Illoyalitäten – stets eingesponnen in und motiviert durch das Bedürfnis, seiner inneren Mission Ausdruck zu verleihen. Man erhält einen genährten Eindruck davon, was dazu geführt hat, schlussendlich das Lebenswerk realisiert zu haben.
Dass dies maßgeblich von einigen Akteuren innerhalb der Familie, indes entschieden von anderen Künstlern und Mäzenen abhing, skizziert der Autor, indem nicht nur einzelne Kunstpersönlichkeiten benannt und grob charakterisiert werden, sondern zusätzlich das Gespann an Netzwerken von wirkmächtigen Helfern dargestellt. Zudem schildert er, welch grundlegende Bedeutung die beiden Ehefrauen im Gefüge der Bedingung der Möglichkeit einnahmen. Beide fungierten gleichsam „notwendig“; Cosima Wagner, die zweite Gattin, sorgte für den bis heute geltenden Ruhm durch ihre strenge Führung des „Unternehmens“.
Dankenswerterweise geht der Autor zudem kulturellen und biologischen Antisemitismen nach. Leser werden dabei interessiert die Differenzierungen bezüglich Wagner kennenlernen und können verstehen, inwiefern der Komponist antisemitisch war und wahrgenommen wird und warum er sich dennoch nicht davon abhielten ließ, mit Juden verlässlich zusammen zu arbeiten. Das scharfe Gift der biologischen und rassistischen Judenfeindlichkeit brachte Cosima Wagner ein – in einer Zeit, in der Judenfeindlichkeit ohnehin und bereits früh dem Adel, dem sie entstammte, en vogue war.
In der Tat genießt und vollzieht der Leser nach: „Eine Familiendynastie zwischen Genie, Macht und Vermächtnis der Wagnerfestspiele“, so Michael Lemster.
Immer wieder legt der Leser das Buch zur Seite, um Gelesenes wirken zu lassen und dem einen und anderen Thema nachzusinnen. Kaum jemand wird sich von der vielfarbig schillernden, scheinbar widersprüchlichen Figur unbeeindruckt lassen, sondern fasziniert lesen, welche Hürden Wagner überwunden hat, welche Übertreibungen, welche Überheblichkeit und Grausamkeit und dem zum Trotz, welche Hingabe und Treue dieser Kunstschöpfer in sich vereinigte, eine Hingabe, die sich ohne Missionsdrang nicht hätte durchhalten lassen, verflochten mit und getragen von im Wortsinn notwendiger prominenter Hilfe unterschiedlicher Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wirtschaft. Ihre Rolle als Geburtshelfer muss prononciert werden. Michael Lemster tut das in vielfältiger Weise und erwähnt zudem günstige Gelegenheit sowie Zufälle, die von Richard Wagner produktiv genutzt wurden.
Enthält sich der Leser moralischen/ moralisierenden Kommentaren, sondern zeigt sich offenen Geistes, beendet er die Lektüre des Buches im Bewusstsein einer Vielfalt dessen, wer und was und inwiefern das Gesamtwerk des Komponisten und damit die Festspiele von Bayreuth erst möglich wurde.
Mit einem Augenzwinkern noch dies und für jene, die eine launige Fassung der Nibelungen genießen möchten: Im Börsenblatt (12.2026) steht eine Anzeige: „Die Nibelungen als Comic“ vom Jedermann-Verlag. Samt Originalfassung der Nibelungen.

Regina Mahlmann