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Die Verbundenheit der Dinge

AutorSebastian Gießmann
VerlagKadmos
ISBN978-3-865-99224-6

„Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke“ bietet der Autor in seiner (für die Veröffentlichung gekürzten) Dissertation. Er wagt damit den Rückblick auf eine Entwicklung analoger Verbindungen seit der Antike bis in die Jetztzeit, indem er u.a. Literatur zitiert und metaphorischem Anwenden von „Spinnen-Netz“ und anderen konkreten Natur-Bildern aufs Verbinden von Menschen nachgeht. Illustriert ist der mehr als 400-seitige Band in mehrfacher Hinsicht: Durch Abb.en von Gemälden, Grafiken etc., dies im Text, dazu farbig in einem extra integrierten Innenteil – und durch Text-Zitate, die quasi Bild-Charakter gewinnen. In seiner Kulturgeschichte fußt er auf diesem Grundgedanken, formuliert auf dem Rücktitel: „Netze halten, verbinden und fangen. Sie verfangen, binden und verstricken. Unsere sozialen Netzwerke verdanken ihren Namen einem denkbar merkwürdigen und zwiespältigen Objekt. Wie aber kam das Netz ins Netzwerk? Warum kann es für ein Verbundensein von Menschen, Dingen, Institutionen, Zeichen, Infrastrukturen, ja selbst der Natur einstehen?“ Das beginnt in der Antike, auch sprachlich wunderbar eingebunden: Aus dem Griechischen entstand Textil (als Verwobenes) und auch „Text“ gleichen Wortursprungs, auch das lässt nachsinnen! Arachne (Spinne) begleitet uns metaphorisch bis ins Mittelalter. In der Neuzeit kommen andere Verbindungen ins Spiel, bis zu einem Höhepunkt am Übergang zur Moderne ca. 1850: Kanäle (bis hin zu Suez!) werden als Infrastruktur aufs Papier übertragen, ähnlich dann auch Landverbindungen: Kanalisieren heißt Kolonisieren war seinerzeit offenbar ein geflügeltes Wort, also durch Erschließen von Regionen dieses sich unter den Nagel reißen zu können – und erst dann wirklich ausbeuten … Das Telefon wurde (ursprünglich erdacht zur Sicherheit evt. nur scheinbar Toter, aus dem Grab heraus!) zunächst zum Verbinden à la Gas und Wasser überlegt statt eigener Vernetzung. Nachdem zunächst jeder Anruf per Hand zu vermitteln war, ergaben sich erste automatische Verteiler als Drehzylinder, die offenbar stark an Webstühle erinnerten – Metaphorik in der Industrie! Mehrfach kommt Kafka ins Spiel … Und natürlich ließen sich Aspekte ergänzen wie das Vernetzen an Land via Post (Thurn und Taxis) und schließlich das Web als solches, nämlich als Kommunikation eigentlich nur zwischen Geräten. Exzellent das Aufarbeiten vernetzter Darstellungen im 20. Jahrhundert, siehe die seit Langem gängigen U-Bahn-Netze als stilisierte Übersicht, abstrahiert in eine virtuelle Form und dadurch deutlich einfacher nutzbar – oder auch Netzplan-Technik. Moderne Info-Grafiken setzen diese Tendenz fort. Wobei heute kaum mehr jemand an den natürlichen Ursprung unserer „Vernetzung“ denkt, doch das gilt im Grunde für alle Metaphern, entstanden aus der Natur … – Passend war der „vernetzte“ Auftritt einer exzellenten (Seil-?)Artistin als einer von mehreren Show-acts beim 6. Internationalen Wissenschaftsforum des AFNB (Akademie für Neurowissenschaftliches Bildungsmanagement) in Bonn: Sie schwebte in einem Netz mitten im Saal und legte eine faszinierende Bewegungs-Nummer hin, mal im Netz, mal am Netz. Passend zur Verbandelung von Neuronen im Gehirn einerseits, dem von (1.400!) Menschen im Saal andererseits. Denn natürlich ging es neben der vermittelten Information auch dort vor allem um dies: Vernetzen … HPR

Hanspeter Reiter