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Die Silizium-Insel

AutorQiufan Chen
VerlagHeyne
ISBN978-3-453-31922-6

Schöne neue Welt?! Von der nur zu träumen wäre zuviel erwartet, für die Bewohner einer chinesischen Insel (nein, nicht Taiwan), die seit Jahrhunderten schon vermüllt ist. Übrigens, der SciFi spielt dennoch in nächster Zukunft = Mitte des 21. Jahrhunderts. Und ist …

Dokufiktion im SciFi-Gewand
Ja, übel genug – doch derlei Schlechtes scheint so nah! Der Autor erläutert das ausführlich in seinem Nachwort „Die Müllflut“ (S. 463ff.): „Können wir die weltweite Überschwemmung mit Elektronikschrott überhaupt noch stoppen?“ fragt er – und antwortet mit einem Plädoyer. Auch dies zeigt, dass unsere Abfall-Gesellschaft genauso problematisch ist wie der Klimawandel: Gerade als ich diese Rezension verfasse, berichtet (u.a.) die FAZ in ihrer Print-Ausgabe davon, dass Deutschland wieder mehr Recycling-Müll exportiert hat – darunter sicher auch Metall- und Elektronik-Schrott. Genau darum geht es, diese zu verwerten: „Auf der Siliziuminsel im Südwesten Chinas wird der Elektronikschrott der ganzen Welt recycelt. Inmitten von giftigen Dämpfen und verseuchter Hardware suchen die Müllmenschen nach Verwertbarem. Als eines Tages eine amerikanische Firma die Siliziuminsel modernisieren will, wird das labile Gleichgewicht zwischen den chinesischen Behörden, mächtigen Mafiaclans und internationaler Machtpolitik gestört. Arme und Reiche, Chinesen und Ausländer finden sich in einem Krieg um die letzte Ressource der nahen Zukunft wieder – den Menschen.“ Denn dieses Recyclen geht eindeutig eben zu deren Lasten (siehe z.B. S. 54ff.). Doch ob die sich das dauerhaft gefallen lassen?

Mensch vs. Maschine
Nach 460 Seiten ist Leser „klüger“. Natürlich spielt auch technische Entwicklung eine Rolle in diesem SciFi, wenn auch deutlich weniger als in klassischen Zukunfts-Romanen (XR-Brille, siehe S. 118f. usw. – metallische Viren, die das Gehirn völlig verändern, etwa S. 184ff., S. 268ff. etc.). Die Rolle seltener Erden (teils mit Semi-Monopol in chinesischer Hand) kommt ins Spiel, mit Betrachten militärischer Technik in den 1990-er Jahren (S. 230 ff. etc.). Letztlich geht es um Neuro-Enhancement, wie im 2019-er Symposium von TurmderSinne ausführlich erörtert (Bessere Menschen?), ob nun als Prothese oder als Pharmakon (neuronale Strukturen verändernd, etwa S. 308ff.). Auch die Überwachung in China baut der Autor ein, der durchaus im Heimatland veröffentlicht (= veröffentlichen darf), u.a. S. 380ff. Menschlich?! Wie Mimi 1 (im Streit mit Mimo 0 einwirft, der anderen Seite der veränderten Protagonistin, S. 427f.): „Der Mensch pflegt den Einfluss von Sozialisation und Erziehung maßlos zu überschätzen. Erbarmen, Mitgefühl … haben sich längt in euren posterioren cingulären Cortex … eingschrieben … die moderne Technologie hat das Fundament beschädigt.“ Voila, Neuro-Wissenschaft vom Feinsten, dennoch: SciFi! HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter