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Die Jakosbücher

Autor Olga Tocarczuk
Verlag Kampa
ISBN 978-3-311-100014-0

„Nur der Fremde versteht die Welt“ ist die Rückseite dieses fast 1200-seitigen Opus der Literatur-Nobelpreis-Trägerin 2018 betitelt … Darüber mag Leser nachdenken, gerade in heutiger Zeit: Wiederholt ging er in die Fremde, dieser Jakob, passte sich an, folgte seiner Mission. Wurde zu einem Anderen – und blieb doch sich selbst treu. Ob nun zum Nutzen und Frommen, auch seinem Gefolge – oder auch zu deren Verderben: Als Juden häufig und immer wieder ausgegrenzt, suchten sie mit ihm nach ihrer Identität in je fremder Kultur…

Religion & Gesellschaft
Zentral ist diesem Opus das Judentum in Polen vor 250 Jahren, gut vier Jahrzehnte umfassend. Weit ausgreifend, dennoch immer beim Gleichen bleibend: Wer war er, dieser Jakob Frank, der den Frankismus „erfand“, quasi seine eigene Sekte gründete? Opportunist in einer Zeit Mitte des 18. Jahrhunderts, zu der andernorts eine Revolution gegen die herrschenden Klassen im Anbrodeln war und die Aufklärung in der „Encyclopedie“ gipfelte? Darauf bezieht sich die Autorin auch in der zum Schluss hin gerafften und komprimierten finalen Berichts-Runde ihres großen Romans (S. 175ff., dort auch der 68-bändige Zedler in Wien auftretend). Doch in Polen dagegen war wenig zu spüren von einem Aufbruch, umso auffälliger diese Gestalt, die doch nur um Talmud und Tora kreiste, diese interpretierend, Philosophen wie Populisten ignorierend: „Er galt als Luther der Juden – seine Anhänger sahen in ihm einen Messias, für seine Gegner war er ein Scharlatan, ja Ketzer. Jakob Frank (aka Jankel Lejbowicz) war eine der schillerndsten Gestalten im Europa des 18. Jahrhunderts. Die Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn wechseln könne: Er war Jude, bevor er mit seiner Gefolgschaft zum Islam und dann zum Katholizismus konvertierte. Er war ein Grenzgänger, der, aus dem ostjüdischen Schtetl stammend, das Habsburger und das Osmanische Reich durchstreifte und sich schließlich in Offenbach am Main niederließ.“ Tatsächlich brodelte es auch in Polen, gegen die Stände-Gesellschaft, bestehend aus König (mit Sitz in Dresden), Adel und Kirche (katholische nämlich, beide stark verbandelt) – und schließlich: Bauern.

Judentum & Politik
Dazwischen häufig zerquetscht, als Sündenbock dienend: die Juden, Extra-Steuern (S. 1021f.) und Bücher-Verbrennung inklusive (Autodafé des Talmud 1757 am 14. Oktober, S. 765)… Was diesen Jakob Frank (zusätzlich) motiviert haben mag, seine Lehre von den drei Religionen zu entwickeln, als „Kirchen-Hopper“ zu agieren: Vom Judentum in den Islam, aus dem Islam (im Disput mit jüdischen wie christlichen Kirchenlehre(r)n) schließlich im Katholizismus landend („Die Taufe“ S. 515ff.). Dabei bedient er sich eines Gleichnisses (Jakobs Geschichte vom Ring, S. 906ff.): „Eben wie die drei Ringe sind die drei Religionen. Und wer in der einen geboren wurde, sollte die beiden anderen nehmen wie Schuhe und sich auf den Weg machen zu Erlösung.“ Statt „das Beste“ aus den dreien zu kombinieren, wechselt er sie immer wieder… Die Rolle der Frau(en) ist eine vielfältige (S. 651ff. z.B.) – doch letztlich vom baldigen Sektenführer vor allem zum Sexual-Objekt erkoren, ebenfalls rasch wechselnd… Der zudem schon mal 12 Apostel um sich schart (die tatsächlich die Namen jener Originale anzunehmen haben), was er dann im Prozess relativiert, wie manch anderes Getue, bis hin zum Gerieren als „Erlöser“.

Fakt & Fiktion
Die Autorin selbst weist in ihrer bibliografischen Notiz (S. 22ff.) darauf hin, dass sie Historisches verarbeitet hat und auf vielerlei Quellen zurück gegriffen. Das gilt für Jakob Frank und seine Bewegung wie auch für einige geschichtlich überlieferte Ereignisse, etwa: Ritualmord-Anklage oder die Figur des Paters Chmielowski, der tatsächlich parallel zu Diderot und D´Alembert an einer Art „Enzyklopädie“ gearbeitet hat – allerdings in seinem mehrfach aufgelegten und erweiterten „Neuen Athen“ der Antike eng verbunden statt in die Moderne aufbrechend, rein Texte im Zugriff exzerpierend und zitierend, immer fieberhaft auf der Suche nach Quellen (siehe etwa S. 457ff., vor allem über kirchliche Kontakte. So ist als Fazit zu ziehen: „»Die Jakobsbücher« sind das vielstimmige Porträt einer faszinierenden Figur, deren Lebensgeschichte zum Vexierbild einer Welt im Umbruch wird. Olga Tokarczuk hat einen historischen Roman über unsere Gegenwart geschrieben, der zugleich ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt ist. Ihr Opus magnum, vom Nobelpreiskomitee explizit in der Begründung erwähnt.“ Dass sie mehrere Techniken gelungen anwendet, ihre Leser in diese Zeit vor mehr als einem Vierteljahrtausend zu ziehen, mag dazu beigetragen haben: Die Zählung der Seiten (Paginierung) à la hebräischer Schrift von hinten (1170) nach vorne – unterschiedliche Schriften für Erzählung und Quellen („zitierte“ Briefe und Notizen, die „Reste“ von Nachman, dem Chronisten der Bewegung, in seinem nur für sich selbst verfassten Tagebuch, eingesprengselt mal die Perspektive verändernd, siehe z.B. S. 718ff.) – Schreibweisen sanft an die damalige Zeit anklingend (sz statt ß, Begriffe wie „Kuffer“ statt „Koffer“ usw.) – und auch Ausdrücke durchaus „altertümlich“ klingend: Atmosphäre schaffend, Kaffee/Tee/Schokolade als sich breit machende exotische Getränke (für die oberen Schichten) ins Spiel bringend. Auch mithilfe der Figur „Jenta“, Ur-Ahn des Jakob Frank, die (wohl zunächst ins Koma gefallen) zwischen Leben und Tod schwebend als Beobachterin der Szenerien auftritt, zu in dieser Zeit ja gewöhnlicher Esoterik/Mystik passend. Kommunikation ist damals noch eine besondere Herausforderung (siehe z.B. S. 969ff., siehe auch „kaffa“ & Co.), fehlt es doch an einer „lingua franka“: Lateinisch kennt das gemeine Volk nicht, auf das Frank zielt, ähnlich wie Luther. Doch immer wieder in neuer Fremde, braucht es neben Polnisch mal Türkisch, mal Deutsch…Und Übersetzer, etwa Nachman. Oder eher Vermittler? Jakob Frank war das weniger, mehr Provokateur und Populist… HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter