Die Grimms: Eine Familie und ihre Zeit
| Autor | Michael Lemster |
| Verlag | Benevento |
| ISBN | 978-3-710-90115-7 |
Bereits 2021 erschienen, mag der Eine oder die Andere dennoch auf Jakob und Wilhelm: die Gebrüder Grimms neuerlich aufmerksam geworden sein, nämlich durch die Lucky Luke-Ausgabe „Grimm Brothers“. Unabhängig von dieser für den einen und anderen vergnüglich vermittelten Aktualität empfiehlt sich die Lektüre der Familien- und Gebrüder-Biographie des Kulturwissenschaftlers Michael Lemster einer verschieden interessierten Leserschaft: sowohl Individuelles, rein Familiäres als auch Beziehungsgeflechte mit bekannten literarischen und politischen Akteuren als auch die Einbettung in das gesamte historische Geschehen werden geschildert. Einige freuen sich vielleicht auf eine reine Biographie, eine biographische Aufklärung mit dem Fokus auf die Familie und jedes einzelne Familienmitglied. Zwar liegt der Schwerpunkt auf dem zeitlebens gemeinsam, keinesfalls aber in fachlich-sachlicher Hinsicht einmütigen Märchenbruder-Gespann Jakob und Wilhelm. Vermutungen über mögliche Handlungsmotive gründen sich seitens des Autors stets auf empirische Gegebenheiten, Briefe und andere persönliche Schriftzeugnisse, auch von Personen, die der Familie nicht direkt angehören und dennoch Bedeutung haben. Für Überraschungen ist gesorgt, und der Leser erfährt Vieles über insbesondere die Geschwister und deren Rollen, Möglichkeiten der Lebensgestaltung und psychische wie soziale „Kosten“.
Leser können akribische Rechercheergebnisse freuen, auf Machtpolitik und Kriegsimplikationen, stets mit Blick auf und für die Folgen der Grimms, von den Anfängen bis zu den Märchen-Produzenten. Das Verständnis der politischen und sozialen Eruptionen und Umstände wächst ebenso wie nachvollziehbar wird, aus welchen naheliegenden Motiven insbesondere Jacob und Wilhelm die Geschwister „führten“. Zudem kann der Leser verstehen, warum sich die Charaktere der Geschwister und ihre Lebenswege so entwickelten, wie es überliefert bzw. gedeutet ist, einschließlich spezifischer Ambitionen, Gemütszustände und deren Konsequenzen. Im Zentrum stehen die „Märchenbrüder“ Jacob und Wilhelm: Philologie, Völkerkunde, ideologische Ambitionen im Rahmen des „Warum“ von-Märchen (einschließlich der zeitgeistangepassten Judenfeindlichkeit), ferner das „Wie geworden“, die Wandlungen der Ursprungsfassungen der gesammelten Märchen(stoffe) unter Einfluss von Kritiken, der Illustrationen durch den Bruder Lui und dem Schöpfen aus unterschiedlichen kulturellen Quellen, der religiösen und leider judenfeindlichen Wendungen bis hin zur gegenwärtigen klassischen Form der Märchen, die sich erst spät und unter speziellen fachlichen Konflikten zwischen den Brüdern und Konkurrenten entwickelten. Die Rollenverteilung unter den beiden Brüdern spielt dabei und in dem langen Prozess des Berühmt- und Geschätztwerdens eine zentrale, eine maßgebliche Rolle.
Damit der Leser in den zahlreichen Informationen den roten Faden nicht verliert, variiert Michael Lemster Einzeldarstellungen mit Überblicken. Das betrifft sowohl „die Grimms“ als auch die Märchenproduktion – und erweist sich als informativ und hilfreich. Möglich, dass der Zugang zu dem informativ dichten Buch dem einen und anderen Leser leichter fällt, wenn er zuerst Einführung und die beiden letzten Kapitel liest. Lucky Luke ist vor diesem fundierten Hintergrund nicht nur amüsant zu lesen und anzuschauen, sondern in der Zuspitzung von Jacob und Wilhelm Grimm, die assoziiert werden, wenn von „den Gebrüdern“ die Rede ist, schmunzelnd nachvollziehbar.
