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Die Erde bebt

Autor Alai
Verlag Drachenhaus
ISBN 978-3-943314-91-5

„Der Umgang mit dem Unbegreiflichen“ erzählt die Geschichte eines untergegangenen Dorfes zwischen mehreren Erdbeben aus der Sicht des Schamanen auf mehr als 350 Seiten.

Umgang mit Untergang
…oder auch Umgehen mit dem Untergehen ist hier fokussiert: „Die Erde bebt – Der Umgang mit dem Unbegreiflichen Am 12.05.2008 ereignete sich ein verheerendes Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan. Es forderte mehr als 80.000 Todesopfer. Zahlreiche Gemeinden und Dörfer wurden ausgelöscht. Diese Katastrophe ist als „5-12-Erdbeben“ im kollektiven Gedächtnis der Chinesen verankert. In dem Roman Die Erde bebt verarbeitet der tibetische Schriftsteller Alai dieses reale Unglück in fiktiver Ausgestaltung. Der Protagonist Aba, Dorfschamane und offizieller Träger des immateriellen Kulturerbes im tibetischen Bergdorf Yunzhong, fühlt sich verpflichtet, in das schwer zugängliche, menschenleere und komplett zerstörte Dorf zurückzukehren und sich um die Seelen der Erdbebenopfer zu kümmern. Trotz guten Zuredens weigert sich Aba beharrlich, Yunzhong zu verlassen, obwohl er weiß, dass er eines Tages mit ihm untergehen wird – seit dem Erdbeben ist der Hang, an dem es liegt, instabil und abrutschgefährdet. In Gesprächen und Ritualen tröstet er die Toten und preist die Berggeister, – bis ein weiteres Erdbeben das ganze Dorf in die Tiefe reißt. Eine bewegende Erzählung, melancholisch und voller Liebe, erschütternd und ermutigend zugleich.“ Und mit einem überraschenden Happy-ending, so lässt sich dieses Ende durchaus interpretieren (S. 352f.) – lange angekündigt, dann realisiert: Als Schamane (und Träger des immateriellen Kulturerbes, so sein Neffe) untergehen mit den Realien (Haus & Hof quasi, Pflanzen & Tiere inkl.) und mit den bereits entschwundenen Seelen…

Tradition und Realität
Denn das einst blühende Bergdorf war nach dem ersten Erdbeben (und wohl mehr als 2/3 Opfern) zwar bereits verlassen, doch mangelte es am traditionellen Abschied von den Verstorbenen und deren Hab und Gut. Wenn auch aus seiner Perspektive erzählt, kommt auch jene seines einflussreichen Neffen Rimchen ins Bild, dazu die der Regional-Regierung und dort handelnder Personen, dazu Medien und auch der Einfluss von Geologen, also der Wissenschaft – alles verwoben und teils durchaus gegensätzlich, siehe Tradition & Religion, Politik & Wirtschaft (Tourismus als Alternative zu untergegangener Landwirtschaft z.B.). Auch Einzel-Schicksale sind beleuchtet, neben bestimmten (fast ausgestorbenen) Familien etwa jenes eines ursprünglich tanzfreudigen Mädchens, das ein Bein verloren hat – wofür u.a. sich Aba verantwortlich fühlt. Ein sehr atmosphärischer Roman, in dieser Form wohl nur im Denken & Tun chinesischer Charaktere denkbar: Einblick in deren Welt(en) ist hier also zu gewinnen, zurück haltende Kritik an der Hilfe zur Selbsthilfe für die Überlebenden resp. Hinterbliebenen… HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter