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Der Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbären traf

AutorMonika Niehaus
VerlagHirzel
ISBN978-3-7776-2799-1

„Wenn das Gehirn verrückt spielt: 30 seltene und ungewöhnliche psychische Syndrome“ hat die Autorin gesammelt und stellt sie vor, jeweils mit konkreten (Fall-)Geschichten plus Interpretation – sowie Verweisen auf Medien, etwa Literatur oder Film.

Alles Neuro?!
Nun, mehr oder weniger – da das Gehirn ja immer irgendwie auch mit Körperlichem zu tun hat, logisch. Und mehr oder weniger Menschen betreffend, teils höchst selten: „Ob wir ein Verhalten als „normal“ oder „psychisch krank“ beurteilen, ist nicht selten Ermessenssache. Zum Problem werden Eigenarten, wenn sie ein normales Leben unmöglich machen. So gibt es Männer, die jahrelang ihr Zimmer nicht verlassen, Frauen, die sich blind in Massenmörder verlieben oder Menschen, die sich Schönheitsoperationen wie am Fließband unterziehen. Gesunder Menschenverstand und bizarre Verhaltensweisen können in unserem Gehirn eng nebeneinander existieren. Manchmal ist das Gehirn nicht krank, sondern nur ungewöhnlich verschaltet; Menschen mit dem Hyperthymestischen Syndrom können sich an jede Einzelheit ihres Lebens erinnern, und bei Synästhesie sind Sinne in einer Weise verknüpft, die den Betroffenen höchst ungewöhnliche Eindrücke vermittelt. Es zeigt sich immer wieder: Das menschliche Gehirn ist ein Organ mit einer faszinierenden Komplexität.“ Vielerlei Randständiges ist hier versammelt, genauso wie leider höchst bekannte Phänomene:

Beispielhafte Syndrome
Chronisches Erschöpfungs-Syndrom etwa (S. 41ff.), häufig mit Burnout verknüpft. Krankhaftes Körper-Optimieren (S. 69ff. Dorian-Gray-Syndrom), das schon mal mehr als grenzwertig auftritt. Als Körperbild-Störung konkret diagnostizierbar mit Läsionen im Stirn- und Schläfenlappen-Bereich. Locked-In (S. 147ff.) hat ebenfalls skalär höchst unterschiedliche Ausprägungen, Mythomanie („Lügen wie gedruckt“ S. 171ff.) wird Münchhausen, Karl May und vielen anderen zugeschrieben: Diese chronischen Lügner (soweit behandelt) „weisen … in bestimmten präfrontalen… Regionen auffällig mehr weiße Substanz… auf“ mit zugleich reduziertem Verhältnis von grauer zu weißer Substanz, tja. Höchst interessant auch Synästhesie (S. 193ff.), die wir wohl zunächst alle erleben, doch in den ersten acht Lebens-Monaten verlieren: Offenbar bleiben selten Verbindungen zwischen Hirn-Arealen erhalten, die eigentlich schwinden sollten… Das Bindungs-Hormon Oxytocin spielt eine Rolle beim Williams-Syndrom bei Menschen mit grenzenlosem Vertrauen gegenüber anderen (S. 221ff.). Ein Füllhorn an interessanten Geschichten, die zugleich das Lernen über das menschliche Gehirn und seine Funktionen befeuern! Ergo allen zu empfehlen, die mit Lernen zu tun haben – Weiterbildnern jeglicher Couleur, Trainern – Coaches – Beratern. Und natürlich gibt es jede Menge Verbindungen zum von mir bei Beltz heraus gegebenen Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung  … HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter