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Alfred Kubin und der Blaue Reiter

AutorHoberg/Mühling (Hg.)
Verlagwienand
ISBN978-3-86832-485-3

„Phantastisch!“ ist als Übertitel durchaus mehrdeutig interpretierbar: Kubin malte ja durchaus viel aus „Fantasy“ / Mystik. Und viele finden das Ergebnis seiner künstlerischen Aktion als ebenso – fantastisch nämlich.

Vielseitiges Oeuvre
„Echter Horror und ziemlich beste Freunde“ titelte eine Rezension in der SZ (15.01.2019) und ergänzte: „Das Münchner Lenbachhaus zeigt den Zeichner Alfred Kuin als visionären Proto-Surrealisten und Vorläufer der Graphic Novelists“, was mich natürlich auch wegen meiner Neigung zu Comics interessierte. Bis 17. Februar war das reiche Genre eben auch anderer Künstler dieser Gruppe zu besichtigen. Doch auch danach lässt sich mithilfe des exzellenten Katalogs erschließen, wie wandlungsfähig Kubin war – und wie sich der „Blaue Reiter“ überhaupt entwickeln konnte: „In der Literatur zur Geschichte des »Blauen Reiter« wird Alfred Kubin häufig als eines der ersten Gründungsmitglieder genannt, ohne dabei näher zu betrachten, in welcher Verbindung der bereits seit 1906 nicht mehr in München, sondern in ländlicher Zurückgezogenheit in Zwickledt in Oberösterreich lebende Zeichner mit der Künstlergruppe stand und welche Vorgeschichte persönlicher und künstlerischer Beziehungen die Kerngruppe des »Blauen Reiter« dazu bewog Kubin zum Mitmachen aufzufordern.“ Wie sehr offensichtlich wechselseitiges Wertschätzen und Anregen für ihn und andere in der Gruppe galt, erschließt sich auf den über 300 Seiten aus durchaus unterschiedlichen Perspektiven, siehe diese Artikel: Alfred Kubin und der Blaue Reiter – Phantastisches und Seelisches verbinden. Aus meiner Werkstatt – Zeichen-Utensilien und Technik in Kubins Frühwer. Das Kubin-Archiv im Lenbachhaus. Briefwechsel Alfred Kubins mit den Künstlern… des Blauen Reiters.

Die Ausstellung
Und dann natürlich zentral (S. 66 – 241) der Tafelteil, der eben neben Kubins Werken selbst auch die der anderen aus der Gruppe in den Blick nimmt – plus „Drei Mappenwerke Alfred Kubins“: Hans von Weber-Mappe, Sansara – Ein Cyklus ohne Ende, Der Prophet Daniel. Leser / Betrachter kann also dies bestens nachvollziehen: „Lange war gänzlich in Vergessenheit geraten, dass der junge Österreicher, der 1898 im Alter von 21 Jahren nach München gekommen war und dort in den nächsten Jahren sein Aufsehen erregendes Frühwerk mit den packenden Darstellungen psychischer Ängste und sexueller Zwangsvorstellungen schuf, bereits seit spätestens 1904 mit Wassily Kandinsky bekannt war. Kandinsky gab dem jungen Zeichner ein Forum, auf dem dieser mit 30 Werken eine Summe seines Schaffens aus den vergangenen drei Jahren zeigen konnte. Der Ausstellungskatalog Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter zeichnen erstmals mit einer Fülle von Werken, Dokumenten und Fotografien die komplexen persönlichen und künstlerischen Verflechtungen nach.“ Schon beeindruckend!! Und bestens einordnend bereits die Einführung, geleistet von einem der Hg. Auch das Düstere, oft Horror-artige, wird durch diese Sammlung überdeutlich.

Graphic Novel – Comic?!
Dass ausgerechnet Lyonel Feininger fehlt, den er dem „Blauen Reiter“ zuführte, ist für Comic-Interessierte bedauerlich: Hatte der doch auch eine Karriere als Comic-Zeichner für US-Zeitungen zu verzeichnen. Siehe die SZ-Rezensentin Brita Sachs abschließend: Kubin „… konnte ja nicht ahnen, dass man ihn heute als Mitbegründer des phantastischen Films, des Surrealismus und der Graphic Novel feiert.“ Am deutlichsten nachvollziehbar natürlich dort, wo er quasi Sequenzielles bietet, wenn auch frei jeglichen Texts (geschweige denn Sprechblasen): In den Mappen-Werken nämlich! Die erzählen quasi je eine Geschichte, gar aus Literatur, siehe „Der Prophet Daniel“ S.234-239). Auch Comic-Wissenschaftler mögen sich mehr um Kubins Oeuvre kümmern! HPR

Hanspeter Reiter