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Tod in Venedig

Autor Thomas Mann Hg. Ralf Plenz
Verlag Input Perlen der Literatur 25
ISBN 978-3-941905-70-2

In den meisten Rezensionen der klassischen Novelle von Thomas Mann wird das erotische Moment, die Verliebtheit des Protagonisten: des offenbar sehr erfolgreichen Schriftstellers und Kunstwerk-Enthusiasten Gustav Aschenbach, betont und, damit verwoben, die Bezüge zur Person Thomas Manns und dessen angebliche homosexuelle Neigung. Aus dem Blick gerät jedenfalls die komplexe Figur von Gustav Aschenbach. Sein Empfinden und Denken, die häufig miteinander verflochten sind, ineinanderfließen, das Ausgehen vom Allgemeinen des bzw. eines Kunstwerks der Sprache und des Bildes und das im weiteren Reflektieren oder Sinnieren Hineinfließen in Individuelles, auch Subjektives und folglich die Eigenständigkeit der Figur (unabhängig von Tadzio) sind lesenswert. Inwiefern sich auch darin Thomas Mann selbst abbildet, ist nicht relevant, wenn man die Persönlichkeit des Protagonisten für sich ernst nimmt. Die Persönlichkeit bietet zahlreiche Facetten, Charakterzüge, Assoziationen und Empfindungen, die mit der eher künstlerisch interessanten und -fokussierten als autorenbezügliche Verliebtheit verflochten sind und als gedankliches Panorama Beachtung verdienen. Auch die Verliebtheit, um diesen viel zitierten Aspekt hervorzuheben, vermengt das Subjektive mit dem Kunstwerklichen, dem künstlerisch Einnehmenden bis hin ins Philosophische.
Anregend und nachdenkenswert sind ebenso Betrachtungen und Reflexionen, das Ausgreifen von Beobachtungen der Umgebung in das Eigene und vice vera, des Verhaltens von Personen und Gruppen, aufgeschnappte Gesprächsfetzen oder nur gehörte Laute, das emotionale Erleben von Naturphänomen, das Heben all dessen ins Allgemeine, gar ins Grundsätzliche. Auch sie zeichnen sich durch eine besondere Sensibilität aus, ebenso wie das Bewusstmachen eigenen inneren Spürens, Seins und Verhaltens. Insofern lohnt sich eine wiederholte Lektüre, die sich weitgehend unabhängig macht von dem Bezug der – einseitigen – ideellen Beziehung des erotisch angezogenen Protagonisten sowie von den homosexuellen Neigungen des Autors. Man kann die Novelle unabhängig von biographischen Bezügen lesen und gewinnt Einsichten und Erkenntnisse in das, was Erotik und Ästhetik in der Kunst bedeuten kann sowie darin, woran sich Assoziationen zu diesem Zusammenhang im Raum künstlerischen Erlebens entzünden können. Kurz: Man kann teilhaben an der komplexen Figur des Gustav Aschenbach und seiner Anteilnahme an Äußerem.
Rez. Dr. Regina Mahlmann, www.dr-mahlmann.de www.gabal.de

Regina Mahlmann