Tiefer Winter
| Autor | Samuel W. Gailey |
| Verlag | Polar |
| ISBN | 978-3-910918-22-1 |
„Seine Knie fingen an wehzutun, aber er konnte sich nicht bewegen“ führt im Rückseiten-Text gleich spannend ein, auf diese fast 300 spannenden Seiten Lokalthriller – und Krimi noir…
Tiefe Einblicke
…ins Verhalten und Innenleben durchaus gegensätzlicher Charaktere bietet der Autor in diesem Lokalkrimi der besonderen Art: Fixiert am Ort und in der Situation, die Vergangenheit immer wieder aufs Neue „verlängernd“ in Gegenwart und Zukunft, früheres Verhalten wiederholend – und mag sein, beeinflusst durch Landschaft und Klima im tief(st)en Winter. Alkohol und sexistisches Verhalten prägt Männer wie Frauen (z.B. S. 58f. usw.), was letztlich in Mord gipfelt – und der ist nur der Ausgangspunkt für weitere mörderische Tragödien, die sich quasi automatisch ergeben und jeweils vorab abzeichnen… „In der Kleinstadt Wyalusing wird eines Winterabends eine Frau brutal ermordet aufgefunden. Nebender Leiche liegt Danny Bedford, der eine tragische Hirnverletzung erlitten hatte, die ihn in seinen geistigen Fähigkeiten einschränkt. Trotz seines zurückgezogenen Lebens hat seine einschüchternde Größe dazu geführt, dass er von den Nachbarn aus Angst vor seinen Taten gemieden wird. Als der Deputy Danny neben der Leiche entdeckt, ist es für ihn offensichtlich, dass Danny die Frau umgebracht hat.“ Wobei der Leser weiß, dass alles völlig anders war und ist…
Eine unaufhaltsame Kette von Gewalt und Verbrechen
„…durchzieht eine eisige Nacht. Angesichts eines drohenden Schneesturms arbeiten der örtliche Sheri und ein State Trooper bis in die frühen Morgenstunden, um den Anschein von Ordnung aufrechtzuerhalten. Während sie ein kompliziertes Lügengeflecht offenlegen, das die Gemeinschaft in Wyalusing in Frage stellt. Mit Anklängen an Scott Smiths „A Simple Plan“ und Tana Frenchs „In the Woods“ ist „Deep Winter“ ein atmosphärisch dichter und raffiniert gezeichneter Kriminalroman, der bis zur letzten Seite überrascht. Es ist unmöglich, der erschütternden Geschichte der Täuschung zu entkommen, in der die Wahrheit ungewiss ist und etwas Unheimliches unter der Oberfläche lauert.“ So lapidar die Sprache selbst bei blutigen Tötungs-Szenen und entsprechend distanziert, so unerhört das Geschehen: Besteht da überhaupt noch eine Chance, dieser eskalierenden Gewalt-Spirale zu entkommen? Die auch dadurch entsteht, dass Posten wie Deputy als Sheriff-Stellvertreter unter der Hand vergeben werden – an wenig geeignete Personen (S. 96f. etc) – und so auch der Sheriff selbst in seinem Handeln eingeschränkt ist (und sich mehr Gedanken über seine Ehe macht als über das, wofür er verantwortlich ist, S. 131 z.B.). Und wenn auch noch der State Trooper Alkoholiker ist, kann und muss übles Geschehen seinen Lauf nehmen (S. 175 etc.). Dennoch kommt es zu einem teilweisen Happy-ending, soviel sei dann doch „verraten“, inkl. Mindys Familie – wenn auch ihre Brüder trotz aller Reflexion (von der es wirklich viel gibt, aller Personen, fein!) hinter dem scheinbaren Täter her sind (S. 236ff. usw.). Fazit: Jedenfalls lesen – und dann auch auf den Vorläufer gespannt sein: Die Schuld. Eingeordnet von Marcus Müntefering in seinem Nachwort „Ist das Leben nicht schön?“ (S. 285ff.), in dem er u.a. auch Bezüge zu „Von Mäusen und Menschen“ herstellt. HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de
