Stranger than Fiction: Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen
| Autor | Edwin Frank |
| Verlag | C.H.Beck |
| ISBN | 978-3-406-84497-3 |
Warum ein Essay zum Roman des 20. Jahrhunderts? Und warum sollten Leser sich für diese Frage und Antwort interessieren? Edwin Frank gibt eine überzeugende Antwort: Der sprachlich elegant, anspruchsvoll und gleichzeitig eingängig geschriebene analysierende und deutende Essay zum Roman des 20. Jahrhunderts eröffnet Lesern neue, ungewohnte, entdeckende Sicht- und Erlebensweisen – und bietet manch Anregung, Bekanntes wiederholt und Unbekanntes erstmals zu lesen – und beides gewiss völlig anders als ohne Lektüre dieses Essays. Der Autor verfolgt mit seinem profunden Wissen das Ziel, subjektives Nach-, Über-, Vordenken, Deutungs- und Beurteilungsräume von Romanlesern zu erweitern. Dabei scheut er vor fundierten und meist charmant formulierten Wertungen keinesfalls zurück, denen Leser selbstredend nicht folgen müssen – und dennoch gewinnen, nämlich Erkenntnis und das Denken in Möglichkeiten.
Das Vorhaben und die Leistung von Edwin Frank: Eine historische Linien und Brüche verfolgende Verortung des Romans, insbesondere stilistische, sprachliche, thematische, konzeptuelle Novitäten mit paradigmatischem Charakter Die Betrachtungen beziehen ebenso biographische und lebensweltliche Eigenheiten ein. Diese Dimension erfasst sozio-ökonomische, kulturelle, milieubezogene Herkunft und Lebensweise, die spezifischen Lebensumstände, einschließlich Liebes- und Freundesleben, Netzwerke samt Konkurrenten bis Feinde im vorwiegend literarischen Milieu von lebenden und bereits gestorbenen Literaturgrößen. Daher ist einleuchtend, dass Edwin Frank sich zudem psychologischen: intrapsychischen, selbstreflexiven Aspekten widmet, die stets auf Werk bzw. Roman bezogen sind. Im Zentrum jeder neuen Romanepoche steht die Frage: Welche Art Roman kann man, muss man heute/ gegenwärtig schreiben – und warum und wozu? Sowie: Was kann ich davon leisten, und wie schneide ich ab in Vergleichen mit Größen meiner Zeit? Wer sollen meine Leser sein? Was will ich ihnen bieten, wozu sie animieren?
Der Autor, unter anderem Verleger des Verlags New Yorik Review Books, ehemaliges Mitglied der Jury des International Booker Prize und Empfänger von Auszeichnungen, beeindruckt mit seinem Parcours auch versierte Leser. Seine Motivation und Intention, die Beschränkungen, die er sich auferlegt ebenso wie Rückgriffe auf das 19. Jahrhundert führen ein in die Ausarbeitungen des Charakteristischen des Romans im 20. Jahrhunderts, gegliedert in drei „Epochen“; es sind drei „Teile“: „Die Gefäße zerbrechen“, „Ein Funkensprühen“, „Der Rückzug“ – umrahmt von einem Prolog und Epilog. Die Gliederung folgt Umbrüchen, fundamentalen Veränderungen. Sie nimmt gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und deren Einflüsse auf Literaten und Roman (-architektur-, -ton-, stil-, Sprachduktus, Modi der Einführung und Behandlung von Figuren etc.) ebenso in den Blick wie Beweggründe von Romanciers, „den“ Roman ihrer Epoche zu konzipieren und folglich zu entscheiden, was warum wie darzustellen, zu beschreiben, zu erzählen ist. Edwin Frank präsentiert eindrücklich, eingebettet in Darstellungen des (dokumentierten) persönlichen Erlebens des jeweiligen Gegenwartsgeschehens, ein skizzenhaftes und dennoch konkret vorstellbares Panorama. Er schildert, wo das je Neue des Romans wechselwirkt mit dem Abschied von Konventionen und dem Aufnehmen, Beibehalten, dem Tradieren von „Altlasten“ aus dem19. Jahrhundert und illustriert, wo das Tradierte in neuartige Kontexte und Architektur, Aussage- oder Be-Deutungswelten hineinbefördert wird.
Prolog und Epilog dienen nicht nur der Rahmung. Der Prologtitel „Die Auslassung: Fjodor Dostojewskis“ sollte nicht einfach überschlagen, sondern gelesen werden. Denn „die Auslassung“ entpuppt sich als hartnäckig langlebig und erweist sich als Sprungbrett, Inspiration oder Für-richtig-Halten selbst auf Pfaden des Revolutionären. Der Autor macht es dem Leser insofern leicht, ihm zu folgen, als er zu jedem der 30 besprochenen Romane eine Inhaltsangabe mit Zitaten und Interpretationen bietet. Er ordnet sie sämtlich ein in politische, gesellschaftliche und literarische Begebenheiten und nimmt immer wieder Bezug auf den Roman (dessen Themen, Architektur, Intention etc.) des 19. Jahrhunderts, um zu veranschaulichen, was dieser beiträgt zur jeweiligen Gegenwart: in der Retrospektive wie im Zukunftsverweis, in der (im Nachhinein konstatierbaren) Voraussicht auf die zukünftige Welt des Romans.
Edwin Frank schildert und belegt autorenspezifische Motive für Romanschreiben, Konzeption, Grundanliegen in Thematik, für Design und „Plot“, Schreib- und Sprachweise wie etwa Dialogformen oder lange, erzählende Passagen etc.. Das Augenmerk gilt den „Brüchen“, dem Revolutionierenden und Neuartigem, samt Motivdispositionen. Deren Gemeinsamkeit liegt im Grundtenor expressis verbis darin, zu meinen, das Bisherige sei unmöglich fortzuführen angesichts der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse und deren Verzweigung bis hin in das private Leben, Denken und Fühlen hinein. Dem einen oder anderen Autor ist zudem ein missionarischer Enthusiasmus nicht fremd. Im Anhang benennt Edwin Frank „weitere bedeutende Romane des 20. Jahrhunderts“ und bietet einen Anmerkungsteil und ein Literaturverzeichnis.
Ein spannend und sprachlich höchst elaboriert geschriebenes, nie gekünstelt wirkendes Buch, das informativ und spannend zu lesen ist und sich zudem zum Nachschlagen eignet. Regina Mahlmann www.dr-mahlmann.de www.gabal.de
