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Zur Kirche

Autor Volter Kilpi
Verlag Mare
ISBN 978-3-866-48721-5

„Eine Schilderung aus den Schären (Schärentrilogie)“ erzählt die Ereignisse eines einzigen Tages auf mehr als 500 Seiten – letztlich wohl gerade mal drei Stunden betrachtend… Sehr lesenswert dazu den Übersetzers erläuterndes und vertiefendes Nachwort (S. 511ff.), in dem er gar an Proust, Bergson und „Kilpis Lieblingsphilosophen“ Bergson erinnert (S. 523).

Sehr traditionell
…sind Lebensumstände und Struktur dieser Menschen, die sich auf den Weg machen: „An einem strahlenden Mittsommermorgen gegen Ende des 19. Jahrhunderts macht sich ein riesiges Ruderboot auf den Weg durch die Schären der finnischen Gemeinde Kustavi, wo die Bewohner der verstreut liegenden Inseln wie in einem einstudierten Ballett an ihre Anleger strömen, um sich zum sonntäglichen Gottesdienst bringen zu lassen. Auf den Bänken des Kirchbootes versammeln sich Männer und Frauen, alte Leute und Kinder, Hofherren und Mägde, und schon bald erklingen stolze Reden und geflüsterte Gespräche, und die Blicke beginnen zu wandern. Wer erhebt Anspruch auf die besten Plätze im Boot? Wo gibt es neue Vertraulichkeiten, wo liegen Nachbarn im Streit? Und könnte es sein, dass Silja, die doch noch niemandes Frau ist, sich verstohlen den Bauch hält?“ Ja, weil ungewollt schwanger geworden… Viele Nachrichten gilt es, auszutauschen (u.a. S. 384ff.), als alle endlich im Boot untergebracht sind, meist nach Hof-Zugehörigkeit, sehr eng dieses Mal auf den Rundbänken vor allem, weil immerhin knapp 100 Personen sich eingefunden haben. Übrigens in einem Boot, das später auf dem Weg zwischen den Schären auf weitere treffen wird, zeitweise gar im Wettbewerb mit einem anderen Langboot rudernd…

Personen und Beziehungen
…stehen im Fokus – und wer will, kann im Verhalten und Sprechen der diversen Protagonisten von nah und (etwas) fern(er) gar die Zehn Gebote abgebildet sehen. Was ja zum Thema dieses Tages bestens passt: Besuch eines sonntäglichen Gottesdienstes auf einer anderen Schären-Insel… In den Blick genommen werden Brüder, die einander nach langer Zeit wiedersehen und auch in der Nähe einander fern bleiben (S. 342f.) – Nachbar(inne)n, die erwähnte ungewollt schwanger gewordene junge Frau, ein immer nur einmal im Jahr für kurze Zeit heimgekommener Schiffs-Kapitän (der alle paar Jahre dann wieder eine geschwängerte Ehefrau „hinterlässt“), S. 143 und rundum – und seine Ehefrau mit ihrer natürlichen Autorität (u.a. S. 167 usw.), dazu die Söhne, der älteste gar mal als Ich-Erzähler (S. 196, drumherum).

Stark metaphorisch
…und die Leserschaft mit vielerlei konkreten Adjektiven und weiteren bildhaften Sprach-Elementen ins Geschehen hinein ziehend kommt dieser Text daher: „Sie bildeten nun bereits eine stattliche Schlange auf dem Weg zur Kirche, wie ein in die Länge gezogener …fortlaufender Faden durch das Dorf“ (S. 74) z.B. Und dann noch die Gedicht-artigen Passagen (etwa S. 215f., S. 319ff. fast ein Kapitel lang, etc. pp.), die dennoch Prosa sein sollen, so die Vorbemerkung S. 5: „“Die in diesem Buch in Gedichtzeilen gesetzten Passagen sind nicht als Gedichte konstruiert oder gedacht, sie sind lediglich überströmende Prosa, die zur Erleichterung des Verständnisses dem Atem der Satzgefüge gemäß gegliedert worden sind“, voila! Eine ziemliche Herausforderung fürs Übersetzen, wunderbar poetisch-elegant gelungen von N.N. (Winzige Ausnahme: Der falsche Konjunktiv S.219„…als tränke man den Sommer“ [nicht etwa mit Regen, sondern!] mit schlürfendem Mund luftsüß tief in die Lunge hinein“ und S. 417 „…als hinge sein Leben davon ab“, exemplarisch, typisch für die heutige Zeit, soifz – korrekt wäre „trinke“ und „hänge“, eben KI statt KII.) Feines Bonmot übrigens, ob vom Übersetzer so gedacht: „…eine Pfeife ist eine Pfeife“ (S. 291) hat mich woran erinnert? Richtig, an René Magrittes paradoxes „Das ist keine Pfeife“-Pfeifen-Bild  …Übrigens in toller Ausstattung, dieser lesenswerte Prachtband in Leinen plus Leseband und im Schuber! HPR www.dialogprofi.de www.gabal.de

Hanspeter Reiter