Unterhaltung21.09.2026

Dein Wille wohnt in den Wäldern

Dein Wille wohnt in den Wäldern…. und genau dies geschieht: Klärung.
Ruhig, lakonisch, melancholisch der Beginn. Der Beginn des schmalen Romans des jungen Kulturjournalisten Matthias Timander wirkt gleichsam wie eine lange sanfte Woge, die etwas vorbereitet, nach einem plötzlich veranlassten Entschluss an Schwung zunimmt und den Ich-Erzähler in die große Stadt trägt; eine Kurzwelle spült ihn schließlich wieder in Wald und Dorf zurück, wo er, um Selbsterkenntnis bereichert, seine Wurzeln weiterhin sucht und nun, über zwei Lebensmodi verfügend, eine Synergie für seine Zukunft nicht ausschließt.
Der Ich-Erzähler, (wie der Autor damals) 20 Jahre jung, wohnt seit dem Tod seiner Eltern in deren Häuschen, das abseits vom Dorf steht, inmitten von Wald, Gewässer und Tieren und angrenzend an das Dorf. Sein Rückzug in die Natur ermöglicht oder erleichtert es ihm, sich mit seinem Leben und dessen weiteren Weg zu beschäftigen, auch wenn es zunächst nicht so erscheint. Er durchlebt Lange-Weile: voller Sympathie für das nordschwedischen Dorf und besonders für zwei seniore Dorfbewohner. Er arbeitet vorzugsweise körperlich (Holzarbeiten) und findet in den zwei Alten, Tage und Viola, Halt, Geborgenheit, wechselseitige Fürsorge. Ihnen stellt er Fragen zu seinen, zu den Wurzeln seiner Familie, weiteren Ahnen, fragt nach Gründen für tradierte Konfliktkonstellationen zwischen Personen. Viele der Fragen bleiben insofern unbeantwortet, als die beiden weniger Fakten als Weisheiten formulieren, die sich ihrerseits als Teil von Antworten herausstellen werden. Er ist unzufrieden, befragt andere Personen, doch auch sie erweitern seine Kenntnisse kaum.
Nach einem zufälligen Fund im Schuppen, reist er abrupt, spontan, ohne auch nur eine Skizze von einer Perspektive zu haben, ab in die große Stadt: Stockholm. Welcher Fund hat diese Entscheidung vorbereitet? Es ist ein Buch, das die Geschichte eines Ehepaares während des Zweiten Weltkriegs erzählt. Dieser Lektüre folgt eine Phase, in der der alte Rhythmus seines Lebens: Arbeiten, Schlafen, Dösen, zur Storstuga fahren, mit Tage reden – grundlegend Platz macht für einen neuen: Lesen-Lesen-Lesen: „Dann ging es richtig los, ich las wie ein Verrückter. […] Ich fing an nachzudenken, vielleicht auch darüber, ob ich wirklich hierhergehörte oder ob es da unten vielleicht noch was anderes geben könnte. Ich phantasierte plötzlich von der Großstadt, träumte und romantisierte, wie es wäre, einen anderen Sinnzusammenhang zu finden.“
Diese Assoziationen und den Entschluss, sein Domizil zu verlegen, hat eine Lektüre vorbereitet, die verschiedenste Autoren unterschiedlicher Länder und diverser Gattungen vorbereiten. Der Ich-Erzähler schildert in seiner lakonisch-knappen, zuweilen Sätze nicht zu Ende führenden Art und dem dennoch ruhigen Rhythmus seine wachsende Sucht nach Büchern, nach deren Besitz und Lektüre, danach, Ausgaben ihm besonders bedeutsam erscheinender Autoren mehrfach zu kaufen, und – in der großen Stadt zu leben. Seiner hastigen Abreise folgt die baldige Einreise in die Literaturszene der Stadt und hier vornehmlich in ein bestimmtes Café und das umliegende Viertel.
Diese Entwicklung vom einsamen Waldbewohner hin zum Bohemien, erfolgt rasant, überraschend – simultan unaufgeregt. Inmitten der Nennung von Autoren, Skizzen und Analysen von Personen und Beziehungen, von seiner eigenen professionellen Arbeit für Verlage und seinem Selbst-Wandel bekommt der Leser spontan Lust, sich Ausgaben vieler genannter Autoren zu besorgen und umgehend sich im Lesen zu vergraben. Und wer bereits Sachbücher und Romane gelesen hat wie „Das Café der Existenzialisten“ (Sarah Bakewell) oder „Der lange Sommer der Theorie“ (Philipp Felsch) wird sich unweigerlich an die dort geschilderte Lese-, Diskussions-, Selbstinszenierungseuphorie erinnern, die die 1960er und 1970er Jahre (v.a. in Frankreich und in den USA) zu besonderen gemacht haben.
Begeisterung und Enthusiasmus empfindet der Ich-Erzähler selten; geht sparsam mit Gefühlsschilderungen und selbstdiagnostischem Denken um. Dennoch spürt er unvermeidlich deutlich, wie das einst Neue und Bedeutsame, das ihm seine Lektüren, seine Aufträge, seine Kontakte und deren Persönlichkeiten und Gruppenverhalten (wie in einem Dorf, erwähnt er) sowie das diese Erlebniswelt an Relevanz für ihn abnimmt (verstärkt durch Notate, die er Skizzen seiner weiblichen Bekanntschaft entnimmt). Schlussendlich konstatiert er: Stockholm sei zwar eine Großstadt, die sich aber in Dörfer gliedert, so hier in das Dorf der Literaturbegeisterten, Diskutierwütigen, Eitlen, Aufgeplusterten, der realen Welt Entrückten: Posieren und Posen statt wirkungsvoller uneitler Auseinandersetzung und daraus folgenden verantwortungsvollen, bedeutsamen Taten.
So abrupt, wie er das Dorf, Tage und Viola verließ, reist er von der Stadt retour ins Dorf: „nach Hause“, veranlasst durch einen Anruf von der über acht Jahrzehnte alten Viola, zu er stets fuhr: „zur Storstuga“, mit Kaffee, Keksen, wortkargen Gesprächen, Dösen auf der warmen Küchenbank. Während der Reise retour gewahrt er, dass sich Vieles innerhalb seiner eher kurzen Abwesenheit gewandelt hat und sein Dorf nun ein Zuhause ist, das ein anderes geworden ist, sowohl durch bauliche Veränderungen als auch und insbesondere durch den Tod jener zwei Menschen, die ihm Heimat geschenkt haben, die zu seiner wie zur Identität des Dorfes gehören. Sein Häuschen ist unverändert, auch die unmittelbare Natur – und nach zwei Begräbnissen und Nachlässen vor eine Entscheidung gestellt, beschließt er, dort zu bleiben, tief-traurig und mit innerer Leere, eingewoben in Gefühle verborgener Dankbarkeit (siehe das Lied auf S. 180 „Kindheitshaus von Sven-Ingars sowie das Lied, das Tages öfter sang, S. 185) und in der Gewissheit: „Ob jetzt oder in achtzig Jahren, wenn man ein ehrbares Arbeitsleben hinter sich hat oder irgendein anders Leben, hier oder woanders, spielt keine Rolle, denn hier wird auf jeden Fall irgendwann meine Asche verstreut.“
Der schmale Roman möge zahlreiche Leser finden, unter ihnen jene, die an einem Scheideweg stehen, um eine neue Lebenswelt „zu probieren“ und mithilfe dieser Erfahrung Entscheidungen zu treffen, die sich stimmig anfühlen. Lesen, das zeigt der Autor unaufdringlich, hilft dabei ungemein. Dr. Regina Mahlmann www.dr-mahlmann.de drmahlmann@aol.com
PS (von HPR): Die Geschichte „spielt“ in einer Grenz-Region zwischen Schweden und Finnland im Gebiet einer der fünf in Schweden anerkannten Minderheiten, den Tornedalern (neben u.a. den Samen): Seit mehr als zwei Jahrhunderten von Finnland abgeschnittenen Finnisch-Schweden mit einer eigenen Sprache „Meänkieli“, die der Autor im Original mit einfließen ließ. Auch auf dieser Basis lässt sich der auch in der Übersetzung durchaus variantenreiche Text als Bildungsroman verstehen, der übrigens ein Füllhorn an Lese-Empfehlungen enthält, die es zu entdecken gilt – wer mag: Weil eingebunden in die Erzählung viele der Lektüren kurz und knapp der Leserschaft näher gebracht werden…

Das Buch

Autor:inMatthias Timander
VerlagAllee
ISBN978-3-911-52400-1

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